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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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diese, die ich einst also schilderte: „Altere Herren werden hier sehr 
geschaͤtzt. 
So von der Kleinen, die ihr Haar blond gebeizt hat, und eine mit 
schwarzem Flitter besetzte, eng anliegende Taille traͤgt. Ihr kleines Maͤuschen⸗ 
gesicht bekommt durch das spitze Kinn etwas widerlich Raffiniertes. Und 
es sieht sonderbar aus, wie sie unverdrossen ihre Freundin immer wieder an 
den Tisch heranholt. 
Das ist ein stattliches, ebenmaͤßig gewachsenes Geschoͤpf mit einem feinen 
Gesicht. Bleich, mit großen schwarzen Augenringen. Sie steckt ganz in einem 
schillernden Kleid; ihr Leib biegt sich drin wie ein Schlangenkoͤrper. Von dem 
hohen Hut faͤllt ein dicker, roter Schleier — uͤber die Schultern bis zu den 
Huͤften. 
Sie sitzt summ und wie fremd an dem Tisch mit den alten Herren. Ihre 
Freundin spricht um so lebhafter. 
Ploͤtzlich steht die Bleiche auf und geht wie eine Nachtwandlerin zu 
einem Tisch mit jungen Maͤnnern. 
Ihre Freundin bemerkt das nicht gleich. Dann zerrt sie das Maͤdchen 
zuruͤck an den Tisch mit den Alten. 
Willenlos folgt die. 
Um bald nachher wieder wie eine Nachtwandlerin zu den jungen 
Maͤnnern hinzugehen —und sich wieder zuruͤckzerren zu lassen — zu den Alten.“ 
Bald gehen sie nachtwandlerisch ihren Trieben nach — diese Maͤdchen, 
bald leben sie kalt berechnend von ihrer Preisgabe oder unterliegen erblicher 
Belastung, dem Trunke oder den sozialen Verhaͤltnissen, die zu wirr sind 
fuͤr das schwache Maͤdchenhirn. 
Die Halbwelt hat auch ihre Schlupfwinkel. In Kaschemmen und 
Bouillonkellern kommt sie mit all den Schmarotzern zusammen, die von ihrem 
Ungluͤck leben. Alle diese Lokale gleichen den Destillen, den Bier- und 
Schnapskneipen. Hier trifft die Dirne mit ihrem Zuhaͤlter zusammen, hier 
kassiert der Agent die Abzahlungsraten fuͤr Schmuck und Garderobe ein, hier 
kontrollieren die Absteigequartierinhaber ihre Maͤdchen — alle Ausbeuter der 
Halbwelt finden sich hier ein — und das Maͤdchen, das meist in einem jaͤmmer⸗ 
lichen „Heute“ lebt, das uͤberall Schulden hat, trotzdem es doch viel verdient, 
das z. B. fuͤr ihr moͤbliertes Zimmer doppelt und dreimal soviel zahlen muß 
wie andere — dies Maͤdchen fuͤhlt sich in diesem Kreise am wohlsten. An ein 
Heraufkommen aus den Niederungen denken nur wenige. Sie schaͤtzen sich 
nicht hoch ein — und wundern sich vielleicht nur daruͤber, wie rasch ihre Jugend 
und Schoͤnheit flieht, wie rasch sie verbraucht sind und in irgendeinem Winkel 
oder in einem der großen Krankenhaͤuser sterben. ...
	        
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