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Die Halbwelt

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

Der Franzose erzaͤhlte auch von den Kaffeehaͤusern, in denen sich die 
Venuspriesterinnen anboten. Von ihnen schrieb Harden einst: 
„Da sitzen, an fleckigen Marmortischen, deren Fußvergoldung vom Tritt 
schmutziger Stiefel gelitten hat, geschminkte Weiber in buntem Anzug, mit 
wippendem Federhut. Kleid und Mantel sind aus dem billigen Laden, der 
an Prostituierte mit hohem Preiszuschlag auf Abzahlung verkauft; Perlen— 
besatz und Federchenputz. Der Hut, der bar bezahlt werden muß, ist gewoͤhnlich 
das Prachtstuͤck. Das Gesicht ist mit Lilienmilch kalkweiß getuͤncht, Backen, 
Ohren und Kinn hat die Hasenpfote geroͤtet, die Lippen strotzen in fettem 
Karminglanz, um die Augen hat der schwarze Schminkstift dicke Raͤnder 
gezeichnet. Wenn der lange Raupenhandschuh ausgezogen wird, zeigt sich 
unter den klimpernden Armbaͤndern, an denen allerlei „Souveniers“ haͤngen, 
eine harte, rissige, ungepflegte Hand mit schlechten Naͤgeln, eine Hand, die 
daran denken laͤßt, daß diese Weiber, ehe sie sich an den Besitzenden und Ge— 
bildetenrieben und etwasFirnis der Oberschichtannahmen, inHoͤhlen hausten und, 
als Dienstmaͤdchen, Naͤherinnen, Buͤglerinnen oder Fabrikarbeiterinnen muͤh— 
sam des Lebens Notdurft gewannen. Eines Tages wurde ihnen dieses Dasein 
zu langweilig; ein Arbeitsgenosse, ein Mann oder sogar ein Herr fuͤhrte sie 
aus und verfuͤhrte sie nach dem Ausgang. Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit, 
Gewoͤhnung an traͤges Daͤmmern: Prostitution. Jetzt sind sie fein, wohnen 
moͤbliert, schlafen bis Mittag, machen dann eine Streife und verbringen die 
Naͤchte zwischen der Wohnung — oder dem Absteigequartier — und dem 
Kaffeehause. Da sitzen sie, trinken das Teuerste und harren des Herrn, der 
ihre Zeche bezahlen und sie geleiten wird; der Zahlkellner kennt seine 
Kundinnen, die ihm in stillen Stunden auch wohl gefaͤllig sind, und gibt, 
wenns einmal noͤtig ist, gern bis morgen Kredit. Gruͤße und Zoten flattern 
von einem zum andern Tisch, heisere Stimmen necken hinuͤber, heruͤber und 
die Konsumenten koͤnnen in gemaͤchlicher Muße waͤhlen.“ 
Das eben war das Entscheidende fuͤr die Existenz dieser Kaffeehaͤuser: 
Sie boten einen neuen Markt. Und sie hoben den Ton, der sonst uͤblich war, 
doch um einiges. Die Maͤdchen mußten nicht mehr stumpfsinnig auf der 
Straße laufen. Sie mußten unterhalten. Und so hat sich in den letzten zehn 
Jahren in den Kaffeehaͤusern auch eine andere Maͤdchenart eingefunden. 
Nicht das ehemalige Dienstmaͤdchen bildet die Mehrheit der Besucherinnen. 
Das junge flotte Geschaͤftsmaͤdchen, das unter den Berlinischen Proleta— 
rierinnen so stark zugenommen hat, bevoͤlkert jetzt auch die Nachteafes. Nennen 
kann sie niemand alle. In allen Verkehrsstraßen leuchten nachts ihre hellen 
Fenster. Und uͤberall wird musiziert. Manchmal von Zigeunern, manchmal 
von Pseudo-Ungarn. In ihnen verkehrt die große Masse der Berliner Halb— 
welt, zu der ja die verschiedensten Typen gehoͤren. Sie alle rechnen zwischen
	        
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