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Die Halbwelt

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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feinsten Ballokale draͤngte. Bald saß die Geheimraͤtin neben der heraus— 
geputzten Dirne. Die oͤffentlichen Baͤlle, die damals ausnahmslos von den 
Wirten und nicht wie jetzt von Vereinen und Gesellschaften arrangiert wurden, 
beguͤnstigten das Eindringen der Prostitution. Sie war der beste Gast. Sie 
zahlte am besten. Sie verzehrte viel und das Teuerste. 
Neben einigen Lokalen, in denen die bessere Gesellschaft verkehrte 
und die elegantere Halbwelt ihre Anhaͤnger warb, existierten auch Tanzsaͤle, 
in denen die abenteuerlustige Jugend Freundinnen fuͤr eine Nacht suchte. 
Unter den Stammbesucherinnen solcher Lokale glaͤnzte neben vielen Maͤdchen 
mit berlinischen Spitznamen Luise W., ein ganz junges Maͤdchen von blendender 
Schoͤnheit und uͤberaus heiterem, froͤhlichem Charakter, die gewoͤhnlich 
à lachinoise frisiert ging und die Geliebte eines Lehrlings der Kaufmannschaft 
war. Diese Taͤnzerinnen waren meist elegant gekleidet — und zwar waren 
sie fast ohne Ausnahme im Besitz ihrer Garderobe. Sie benahmen sich fast 
stets gefaͤllig und bewahrten einen gewissen Anstand. Nur nach der großen 
Eßpause, die damals in vielen Lokalen gegen Mitternacht uͤblich war, brachte 
der genossene Wein auch eine gewisse Ausgelassenheit mit sich. Die Maͤdchen 
dieser Tanzlokale waren meist sogenannte Stubendirnen. Sie waren auch 
inskribiert, hatten aber infolge ihrer guten Fuͤhrung die Erlaubnis erhalten, 
in den besseren Straßen zu wohnen und sich frei zu bewegen. Sie kuͤndigten 
ihren Aufenthalt durch helleuchtende Astrallampen an, die sie abends dicht 
an das Fenster setzten. Auch vornehme, versteckte Prostitution gab es, deren 
Kupplerinnen sich fuͤr Putzmacherinnen oder Vermieterinnen ausgaben. 
Die Straßenprostitution machte sich besonders in der Behrenstraße, Schuͤtzen⸗ 
straße, Muͤnz- und Jaͤgerstraße, dem Schloßplatz, Alexanderplatz, namentlich 
aber in der Koͤnigstraße, Unter den Linden, in der Friedrichstraße und in der 
Leipziger Straße bemerkbar. Dort zogen sie, bald mit Huͤten, Schleiern und 
Enveloppen, bald nur in große Umschlagetuͤcher gehuͤllt, auf und nieder. 
„Die meisten dieser Dirnen betreiben daher nebenbei andere Geschaͤfte. 
Sie arbeiten entweder in den Fabriken, oder sie helfen ihren Angehoͤrigen 
in der Wirtschaft, oder sie verrichten weibliche Handarbeiten; vorzugsweise 
sind sie nebenbei Verbrecherinnen. Fast jede Straßendirne ist bereits entweder 
selbst wegen Diebstahls bestraft oder sie ist die Konkubine eines Diebes.“ 
Aus dieser Schilderung, wie sie Stieber gab, sprach der Polizeimensch. 
Ihm ist es noch nicht aufgegangen, daß die Sache umgekehrt ist: Die Arbeiterin 
geht, weil sie zu wenig verdient, auf die Straße — nicht aber arbeitet die Dirne, 
weil ihr die Prostitution zu wenig einbringt. 
In der ersten Haͤlfte des 19. Jahrhunderts, als die Bordelle minder— 
wertig wurden, fanden sich die Prostituierten in Tanzlokalen ein, die bald 
immer feiner wurden und von denen selbst der Polizeirat Stieber schwaͤrmte.
	        
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