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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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hatten. Zur Befriedigung des Hanges zur Ausschweifung tolerierte man 
noch mehr Freudenhaͤuser, die man immer mehr der Polizeiaufsicht unter— 
warf. Und als spaͤter die Garnison vergroͤßert wurde, als Berlins Ein— 
wohnerzahl sich vermehrte und es viel von Fremden aufgesucht wurde, ließ 
man abermals eine Vermehrung der Bordelle zu. 
Unter Friedrich II. gab es 1780 an 100 derartige Haͤuser mit je 
7—9 Maͤdchen. Man teilte diese in drei Klassen. Die niedrigsten waren 
jene, worin die Maͤdchen nur in gewoͤhnlichen Hauben und Muͤtzen und im 
buͤrgerlichen Anzug erschienen; diese wurden meistens nur von Hamburger 
und Amsterdamer Schiffsleuten besucht. In der zweiten Klasse paradierten 
schon die Maͤdchen mit geschminkten Gesichtern in Barkassen, sie existierten 
aber nur in abgelegenen Winkeln der Stadt, hatten wenig Pretioͤses und 
wurden von gewoͤhnlichen Handwerkern besucht. Die dritte Klasse war die der 
reputierlichen, d. h. solcher Tabagien, wo die Frauenzimmer ebenfalls nur 
in Barkassen sich praͤsentieren durften, aber vom Wirte schon als Mamsells 
behandelt wurden. In diesen wurden die „Nymphen“ nicht im Hause ge— 
halten, auch durfte nur der Akkord mit ihnen getroffen werden. Alles andere 
hatte sich außerhalb abzuspielen. 
Doch beweisen Schriften aus der Zeit der franzoͤsischen Revo— 
lution, daß auch feinere Bordelle in Berlin bestanden haben. So 
existierte das elegante Haus der Madame Schobitz oder Schowitz in 
der Behrenstraße, das von Kavalieren und 
auch von Damen aus der Gesellschaft be— 
sucht wurde. 
Meist hatten die Bordelle die Erlaub— 
nis erhalten, ihrem Betrieb eine Tanzwirt— 
schaft anzugliedern. Im Jahre 1795 aber 
wurde die Verbindung von Bordell und 
Tanzwirtschaft verboten — womit viele 
Bordelle an Wert verloren, weil den Wirten 
ein großer Teil ihrer Einnahmen entzogen 
wurde. 
Ein besonderes Personal fuͤr die Sitten— 
polizei gab es damals noch nicht, das be— 
sorgten der Rendant und die Wundaͤrzte 
der „Hurenheilungskasse“'. Da aber jede 
Dirne zu dieser Kasse monatlich nur 6 
Groschen bezahlte, die Verpflegung in der 
Charitee jedoch monatlich 3 Tir. 16 Gr. 
kostete und durchschnittlich jede Dirne zwei 
Chodowiecki: Im Frauengäßchen.
	        
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