Path:
Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

396 
oon Moritaten, um bei all den zahllosen 
kindruͤcken ein wenig erschuͤttert zu werden. 
Fuͤr die geistig Armen wird noch wenig ge— 
sorgt. Eher schon fuͤr die wirtschaftlich Armen. 
Schon im Mittelalter bekamen sie bleierne 
Bettelmarken. Friedrich II. wollte sie an 
Arbeit gewoͤhnen und errichtete auf dem 
Alexanderplatz das Arbeitshaus, das Hunderte 
»on Arbeitsscheuen und Armen aufnahm. 
Bis in die Neuzeit mußten Bettelvoͤgte die 
Bettler uͤberwachen und einfangen. Und 
doch machte sich ein großes Lumpenprole— 
tariat breit. Die armen Soldatenweiber 
mußten oft den Bettelhut hinhalten. In 
raffinierter Weise gingen Weiber mit Blinden 
und Saͤuglingen auf die Bettelfahrt. Schon 
vor hundert Jahren hatten sie ihre besonde— 
ren Kneipen. Und die Kurrende, die singend 
von Hof zu Hof zog und fuͤr wohltaͤtige 
Zwecke sang, war auch nur ein verkapptes 
Bettelwesen. Zeitig hatte man auch schon 
die Kollekte eingefuͤhrt. Hosemann hat vor 
fuͤnfzig Jahren eine Kindergruppe gezeichnet, die mit einem Schreiben 
herumging — alles Erscheinungen, die auch heute noch ihr Wesen treiben. 
Besonders auch die Leiermaͤnner, unter denen sich meist viele Veteranen 
befanden. Im Westen mit seinen abgeschlossenen Haͤusern merkt man 
wenig davon. Aber in Berlin wurden 1908 allein 17 000 Personen wegen 
Bettelei verhaftet. Und 1906/,07 gab Berlin fuͤr Armenpflege fast 
16 Millionen und mehr als 10 Millionen fuͤr Krankenpflege aus. Was die 
privaten Wohltaͤtigkeitsanstalten Berlins und die Vororte fuͤr Arme aus— 
geben, ist nur zum Teil bekannt. Aber es laͤßt doch darauf schließen, daß 
sich im Proletariat viele Tausende von Menschen finden, die sich nicht er— 
naͤhren koͤnnen. Und manche moͤgen es auch nicht wollen. Es gibt genug, 
die es koͤnnten, die aber einander die „duften Winden“ mitteilen — Haͤuser, 
in denen es reiche Geschenke gibt. Und viele gehen auch direkt darauf aus, 
den unzaͤhligen Wohltaͤtigkeitsgesellschaften zur Last zu fallen. Allerdings 
sind das wenige in der großen Masse des Elends, das sich an solchen Stellen 
zusammendraͤngt. Die Groͤße und der Umfang des Elends recken ihre grauen 
Schatten uͤber den, der einmal in die Sprechstunde der Gesellschaft zur Be— 
kaͤmpfung der Saͤuglingssterblichkeit geht. Da stehen die Muͤtter, abgezehrt
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.