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Die Damen Berliner Volksfest in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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von einer gewissen Geduld und ruͤhrenden 
Ertragungsfaͤhigkeit durchdrungen. Besonders 
biel erschuͤtternde Bilder von stummer, liebe— 
ooller Sorge und Aufopferung fand ich. 
Das ist die traurige Ruͤckseite von den 
glaͤnzenden Bildern, die das Berliner Kon— 
fektionszentrum bietet. Hat Berlin sonst 
wenig Eigenart — in den Straßen am Haus— 
vogteiplatz hat es wenigstens ein Stuͤck nur 
ihm eigentuͤmliches Leben. Schon am fruͤhen 
Morgen kehrt das eigenartige Treiben in die 
Straßen der Konfektionscity ein, die von 
der Friedrichstraße bis zum Alexanderplatz, 
oon den Linden bis uͤber den Doͤnhoff— 
platz hinausreicht. Die Untergrundbahn, die 
Stadtbahn, die Straßenbahn und alle Omni— 
busse bringen von allen Seiten die jungen 
Angestellten. Da sitzt neben dem jungen 
Mann das junge Maͤdchen — die Buchhalterin, 
die Direktrice, die Einrichterin, die Probier— 
mamsell, der kleine backfischaͤhnliche „Blau— 
stern“ neben dem nicht ganz so hageren „Zweigelb“; der schlanke, gerundete 
„Gelbstern“ aber thront sieghaft in der Maienfrische der Bluͤtejahre und sieht 
ein wenig verachtungsvoll auf die frauliche Fuͤlle des „Weißsterns“, die mit 
ihren 46 Zentimetern Buͤstenweite schon der Liebe und des Lebens Reife 
angehoͤrt und die bald zur Frau „Gruͤnstern“ werden wird — die allerdings 
sich immer noch ein wenig erhaben duͤnkt uͤber Madame „Rotstern“, die 
mit ihren 50 Zentimetern Buͤstenweite alles muͤtterlich ins Herz geschlossen 
hat, was zur Konfektion gehoͤrt. Alle tragen mit einem gewissen Schick die 
neuesten Errungenschaften der Mode — wenigstens in billigeren Marken. Nur 
manche Frau „Weißstern“ und manch Fraͤulein „Gelbstern“ huͤllen die viel— 
bewunderten und angebeteten Formen in elegantere und kostbarere Modelle. 
Alle interessieren sich fuͤr die lockenden und reichen Schaufenster — da sind die 
von Manheimer, von Gerson, von Lewin und vielen anderen Firmen, hinter 
deren blankem Spiegelglas Maͤntel und Jackets, Theaterumhaͤnge, Gesell— 
schafts- und Straßenkleider, Ball- und Straßenkostuͤme, die da auf Gestellen 
stehen, uͤber Stuͤhlen liegen und nur auf die Schoͤnheit zu warten scheinen ... 
Das Konfektionszentrum wimmelt von jungen und juͤngeren Maͤdchen und 
Frauen — alt ist ja keine . .. Das hastet und eilt aneinander vorbei und hat 
kaum einen Blick uͤbrig fuͤr die jungen Maͤnner von der Konkurrenz, die am
	        
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