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Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Frau fahren muͤssen. Sie schafft ihn jeden Morgen nach der Duͤtenkleberei 
und holt ihn zum Mittag. Dann schafft sie ihn wieder hin und faͤhrt ihn 
wieder abends nach Hause. Sie waͤscht und plaͤttet außerdem, denn er ver— 
dient noch nicht soviel, daß er selber davon leben koͤnnte. So haͤlt sie bei ihm 
aus. — 
Jeden Tag ist sie auf der Bruͤcke zu finden, wie sie mit heiterem Gesicht 
⸗orwaͤrtskeucht — die Treue ... 
Diese Frauen sind die Stuͤtzen der Heimarbeit. Ich besuchte einst solche 
Heimarbeiter. 
Ein Fraͤulein G..., wohnt Hornstraße im Keller des Vorderhauses und 
ist 18 Jahre alt. Das huͤbsche, schlanke Maͤdchen arbeitete in der halbdunklen 
Kuͤche. Sie hatte neben dem Arbeitstisch viel gruͤne Blattpflanzen, und die 
Toͤpfe und Kuͤchengeraͤte waren alle mit bunten Baͤndern am Ruͤck auf— 
gehaͤngt. „Ja,“ meinte sie, „eigentlich habe ich nur vom September bis Maͤrz 
zu tun. Und bis Pfingsten gehts dann ein bißchen flotter; dann ist's aber alle 
mit der Arbeit bis zum September. Da muͤssen meine Eltern fuͤr mich sorgen. 
Da geh' ich spazieren. Jetzt komme ich nicht 'raus an die Luft. Den ganzen 
Tag warte ich. Um fuͤnf, sechs krieg ich die Arbeit. Da sitz ich denn bis zwoͤlf 
oder eins — und meistens auch Sonntags — weil die Posten alle zwei Tage 
geliefert werden muͤssen. Ach ja — sonst waͤr's nicht schlimm — aber es ist 
o unregelmaͤßig.“ 
Eine andere Krawattennaͤherin, Frau K., wohnt Goͤrlitzer Straße. Als 
ich zu ihr hinaufging, folgte mir eine kleine schwarze Frau; ich klopfte an der 
Wohnung, die im Hof vier Treppen hoch liegt. „Was wollen Sie denn bei 
nir?“ fragte die Frau, die ganz erhitzt war und einen Riesenkarton 
schleppte. Nachdem ich ihr meinen Zweck geschildert, schloß sie hastig auf und 
stuͤrzte voran in die Kuͤche. „Ach, sehen Sie sich nur nich um! Hier sieht's noch 
doll aus! Ich mußte schon um halb acht liefern gehen! Da liegt denn eben noch 
alles, wenn man um zwoͤlf nach Hause kommt.“ In launiger Weise erzaͤhlte 
sie, daß sie seit 25 Jahren in einem Geschaͤft arbeite. Die Laufereien muͤsse 
sie allein besorgen. Wenn sie mittags nach Hause komme, staͤnden schon die 
Maͤnner — ihr Mann ist Hausdiener, der Sohn von 14 Jahren soll vom 
l. April ab in eine Staatswerkstatt treten — vor der Tuͤr und warteten auf's 
Essen. „Und nu will man doch alles im Stand halten, Miete zahlen — Steuern 
— neulich war's fein. Ich hatte die Steuern vergessen. Und da hat der Gerichts— 
oollzieher gesiegelt. Und um's nu noch zu schaffen, saß ich die Woche bis um 
2 und stand schon um 4 wieder auf, und dann licfern und da warten und 
warten, und da draͤngle ich mir durch und sage: „Kinder — Platz da! — bei 
mir kommt der Gerichtsvollzieher!“ (Berliner Sprichwort, wenn's einer eilig 
hat.) Und sie lachen noch und denken, ick mache Spaß. Na ja, sie konnten 
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