Path:
Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

372 
das von Fischer in der Koͤnigstraße 44, wo— 
selbst man fuͤr einen Silbergroschen „die 
Wilddiebe oder der bayrische Hiesel“ sehen, 
komische Gesangsvortraͤge, auf einem Wimmer— 
holz (Guitarre) begleitet, hoͤren, ungeheure 
Hitze, unertraͤglichen Rauch einatmen und 
noch unertraͤglichere Redensarten hoͤren und 
Rippenstoͤße fuͤhlen konnte. Die Haute volée 
war es nicht, welche sich um Julius Lindes 
Buͤhne versammelte. Erst in den letzten 
Jahren tauchte er auch hier und da in 
besseren Lokalen auf, wo ihn der Buͤrgers— 
mann „des Ulks halber“ auch einmal gern 
hoͤrte oder sah; er wurde da als Zugmittel 
fuͤr schwachbesuchte Lokale von halb ruinierten 
Wirten engagiert resp. einmal geduldet. Als 
die Stadt sich rascher der Million naͤherte, als 
die Maschinenfabriken immer groͤßer wurden 
und bei Borsig am Oranienburger Tor und 
bei Schwartzkopf am Stettiner Bahnhof 
Schneider und Schuster als Dreher ange— 
stellt wurden, die sich dann auch den stolzen 
Titel des Maschinenbauers gaben, gingen die Arbeiterfrauen wohl auch 
einmal in der Woche mit ihren Kindern in den Berliner Prater, in Puhl— 
manns Lokal, in Weimanns Volksgarten auf dem Gesundbrunnen, in den 
Schweizergarten, in den „Eiskeller“ am Wedding oder zu Schoͤnrock nach 
Ploͤtzensee. Diese Lokale waren bis in die Gegenwart sehr beliebt. Aber 
ihre Glanzzeit faͤllt doch in die Zeit von 1870 bis 1900. Rodenberg 
schilderte sie noch 1891: 
Mit dem ersten Pfingsttag und einem Fruͤhkonzert eroͤffnen sie ihre 
„Saison“. Dann werden Puhlmanns Garten, die Neue Walhalla und der 
Berliner Prater mit Tausenden gefuͤllt sein. Im Hintergrunde steht ein 
kleines Theater, auf welchem, unter freiem Himmel, abwechselnd senti— 
mentale Saͤngerinnen und Tanzkuͤnstler sich produzieren, Komoͤdien und 
Zauberpossen aufgefuͤhrt werden, von denen jedoch nicht der dritte Teil der 
bis an den aͤußersten Rand gedraͤngt stehenden oder sitzenden Zuschauer ein 
Wort verstehen oder einen Ton erhaschen mag, wie gespannt sie auch lauschen. 
Gleichzeitig ist vorn in einem Saal am Eingang „Ball“, wird geschossen, 
gewuͤrfelt, „gewogen“, die „Kraftprobe“ gemacht und Billard gespielt; 
werden an einem Tische „belegte Stullen“ und Wuͤrste verkauft, an zwei
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.