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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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vor. Die Dichtigkeit 
der Bevoͤlkerung, der 
noch keine modernen 
Verkehrsmittel zu Ge— 
bote standen, erforderte 
neue Unterkunftsmoͤg— 
lichkeiten. So ent— 
standen die Mietskaser— 
nen. Und so entstanden 
auch die Kellerwoh— 
nungen. Von 1850 an 
wohnten Jahrzehnte 
lang Zehntausende in 
Kellern. Viele kleine 
Geschaͤfte, Schuhflicker, 
Barbiere, Obst- und 
Blumenhaͤndler, Kohlen- und Gruͤnkramgeschaͤfte und vor allem die „Budiker“ 
hausten mehrere Meter unter dem Straßenniveau. Damals hatten die Miets— 
haͤuser noch nicht sooiel Stockwerke wie heute. Überall standen noch Gaͤrten 
hinter den Haͤusern. Viele Straßen liefen ins freie Feld hinaus. Die Haͤuser 
bildeten noch nicht die kompackte Masse wie heute. So kam selbst in die Keller— 
wohnungen Licht und Luft hinein. Und die Berlinerin aus dem Volke wußte 
diesen Wohnungen, in die der Bewohner oft auf winkliger Treppe hinabsteigen 
mußte, Behaglichkeit und Daseinsfreude zu geben. Das von einem verirrten 
Sonnenstrahl erhellte Zwielicht, Blumentoͤpfe und ein Vogelkaͤfig am Fenster, 
das Sofa mit einem Tisch davor, der Naͤhtisch und viele andere Kleinigkeiten 
brachten in die Raͤume jene familienhafte Waͤrme, die auch einen Winkel 
noch menschlich und moͤglich macht. Die Proletarier von damals wußten 
sich uͤberhaupt ihr Leben behaglich zu machen. Sie schlossen sich oft eng ans 
Kleinbuͤrgertum an. Heimarbeiter, die in Stube und Kuͤche arbeiteten, 
wohnten und schliefen und mit der ganzen Familie hausten, nannten sich 
Meister. Sie hatten auch damals schon die Sehnsucht ins Freie und mieteten 
sich fuͤr einen Taler 20 Quadratfuß auf dem Windmuͤhlenberg, wo sie sich 
eine kleine Laube errichteten. Hosemann hat diese Idyllen mit feinem Humor 
sehr lustig auf den Blaͤttern von der gemeinschaftlichen Laube festgehalten. 
Den Zug in die Sommeffrische fuͤhlten uͤbrigens auch damals schon die 
Kleinbuͤrger. Sie zogen nach Schoͤneberg oder Pankow, wo sie ganz laͤndlich 
lebten. Der Vater ging am Tage in die Stadt, um seine Arbeit zu erledigen. 
So konnten wohl mihr einfache Familien sich eine Auffrischung goͤnnen, 
als heute, wo die Sommerfrischen nicht mehr so dicht vor den Toren liegen. 
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