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Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Aber in diesem Witz stak viel behagliche Kleinbuͤrgerlichkeit. Staͤrkere, 
kulturkritische Toͤne oder gar Sozialsatire fehlten ihm ganz. Das Prole— 
tariat wurde als ein verkommenes oder rohes Pack betrachtet, uͤber das man 
seine Scherze machen konnte. Eigentlich existierte fuͤr die Kulturwelt noch 
kein Proletariat. Es gab nur Holzweiber, Torfweiber, Unratweiber, die 
sich zankten, pruͤgelten und Zoten rissen. Weiter hatte man an ihnen noch 
nichts beobachtet. S. 333. 
Und doch war die Stadt schon mit einem hunderttausendkoͤpfigen 
Proletariat gefuͤllt. Das Kleinbuͤrgertum lebte zum uͤberwiegenden Teil in 
proletarischen Zustaͤnden. Und an Menschen, die nicht einmal eine kaͤrg— 
liche, aber selbstaͤndige kleinbuͤrgerliche Existenz hatten, fehlte es auch nicht. 
Die tapfere Bettina von Arnim hat in ihrem Werk: „Dies Buch gehoͤrt 
dem Koͤnig“ ja genug und deutlich von dem großstaͤdtischen Elend gesprochen. 
Und auch andere Schriftsteller veroͤffentlichten genaue Untersuchungen und 
Darstellungen des Berliner Proletariats. Am gruͤndlichsten war Ernst Dronke 
in seinem Werk uͤber Berlin, 1846, aus dem wir erfahren, daß es damals 
schon Stepperinnen, Spulerinnen, Zigarrenmacherinnen und wohl an 
50 verschiedene Gewerbe fuͤr die Maͤdchen aus dem Volke gab. Viele ver—⸗ 
dienten taͤglich nur 356 Silbergroschen und hatten meist 4 Monate stille 
Zeit im Jahre. Und manche, wie die Stickerinnen, hatten unter der lohn— 
druͤckenden Konkurrenz der Frauen und Toͤchter der mittleren Bourgeoisie 
zu leiden, die sich nur ihr Taschengeld verdienen wollten. So trat denn 
damals unter den jungen Arbeiterinnen das Grisettenwesen auf. Das allein— 
stehende Maͤdchen, das irgendwo ein Dachkaͤmmerchen bewohnte, als 
Schneidermamsell sich ernaͤhrte, sich alles selbst kochte und einrichtete, hatte 
auch meist in ihrem duͤrftig, aber sauber eingerichteten Stuͤbchen einen Stiefel— 
zieher — nicht fuͤr sich, sondern fuͤr den jungen Mann, der sie ab und zu 
Sonntags ausfuͤhrte oder ihr auch mal ein Halstuch schenkte. Diese sozial 
gar nicht so tief stehende Klasse war nicht das einzige Proletariat. Trauriger 
ging es in den Familienhaͤusern zu, von denen ein Buch der vierziger Jahre 
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in den sog. Familienhaͤusern. Sie sind in viele kleine Stuben abgeteilt, von 
welchen jede einer Familie zum Erwerb, zum Schlafen und als Kuͤche dient. 
In 400 Gemaͤchern wohnen 2500 Menschen.. .. Der Vater webet zu Bett 
und Hemden und Hosen und Jacke das Zeug und wirkt Struͤmpfe, doch hat 
er selber kein Hemd. Barfuß geht er und in Lumpen gehuͤllt. Die Kinder 
gehen nackt, sie waͤrmen sich eines am andern auf dem Lager von Stroh 
und zittern vor Frost. . .. Kreuzweis wird durch die Stube ein Seil ge— 
spannt, in jeder Ecke haust eine Familie; wo die Seile sich kreuzen, steht ein 
Bett fuͤr den noch Armeren, den sie gemeinschaftlich pflegen.“
	        
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