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Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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. .. Vier Monde dauern 
Die dunklen Mysterien; 
Und waͤhrend vier Monden darf 
Kein leuchtendes Laͤmpchen 
In dem prachtvollen Berlin, 
In der Hauptstadt der Brennen, brennen. — 
Nur nicht aͤngstlich, mein Freund! 
Nur ruhig! ich fuͤhre dich ja 
Und kenne genau, 
Empirisch, a posteriori, 
Die Topographie der Vaterstraßen. — 
Jetzt geht es bergauf, 
Jetzo herab, 
Gleich kommt ein Bruͤckchen mit schwankendem Brett, 
Ein Rinnstein jetzt. 
Nun schreite, aber ich bitte, nur ja recht weit aus; 
Denn huͤben und druͤben 
Pranget in Haͤuflein 
Der Schlamm der gereinigten Rinne. 
Hier ist ein Loch im Pflaster, 
Wir muͤssen hinein 
Und jenseits hinaus. 
Fluche nur nicht; das ist gottlos! 
Es koͤnnte der Teufel sein Spiel ... 
Da hast du's! Da liegen wir beide am Boden! 
Eine Lichtstadt wie heute war Berlin also damals nicht. Mit ihrem 
Blendwerk lockte sie niemanden. Von den Wohltaten der Kanalisation wußte 
lein Mensch das Geringste. Aber die Duͤfte, die bei der naͤchtlichen Reinigung 
der Gruben den Eimern entstroͤmten, veranlaßten die Berliner doch, von 
„tragbarem Gas“ zu sprechen. (S. 172.) Sie waren uͤberhaupt nicht allzu zart 
und schuͤchtern, die Berliner jener Tage. Selbst in den hoͤchsten Kreisen 
zirkulierten eine Anzahl von kolorierten Blaͤttern, auf denen saftige Witze, derbe 
Redensarten und unfreiwillige Entgleisungen illustriert waren. S. 356, 321 
u. a. Doch bezweckten solche Blaͤtter eigentlich nur die Darstellung des Kultur— 
zustandes gewisser Schichten. Und mit Vorliebe wurde die Derbheit, 
Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit der Frau aus dem Volke illustriert, 
wie auch ihre komische Redeweise, die oft die harmlos gemeinten Ausdruͤcke 
in ungewollter Zweideutigkeit umpraͤgte. Wie auf dem Blatt, wo eine Frau 
vor einem Ochsen in einen Bisoutericladen fluͤchtet und mit den verfaͤnglichen
	        
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