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Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Aber nicht nur die Frauen wußten 
so drastisch zu antworten. Die Maͤnner 
gaben sich auch keine Muͤhe, liebenswuͤrdig 
zu ihren Kaͤuferinnen zu sein. Das schoͤne 
Wort von den Ochsen, die auf Brat— 
wuͤrstenn laufen, stammt von einem 
Berliner Marktfleischer. S. 160. 
Die großwerdende Stadt hatte natuͤr— 
lich auch in den untern Schichten eine ge— 
wisse Halbbildung erzeugt. Diese Halbbildung 
war denn auch oft ein Ziel des Spottes. 
Auf einem huͤbschen Hosemann-Blatt fragt 
eine Baͤuerin eine Hoͤkerin, was fuͤr eine 
Puppe auf dem Brandenburger Tor fahre. 
„Ja, nu, wat wird det sind! Alte roͤmische 
Geschichte, Kurfuͤrsten von Brandenburg, 
Siebenjaͤhriger Krieg, det is et!“ antwortete 
die Hoͤkerin. S. 288. Auch S. 356 u. S. 224. 
Aber nicht nur die Kulturzustaͤnde des 
niederen Volkes wurden verspottet. Die 
Berliner waren immer große Musikenthu— 
siasten. Als Liszt spielte, fielen die Damen vor Enthusiasmus in Ohn— 
macht; der Saͤngerin Jenny Lind warfen sie ihre kostbaren Armbaͤnder 
auf die Buͤhne. Die Begeisterung fuͤr die Musik drang in jede Familie 
ein; uͤberall wurde musiziert. Webers „Freischuͤtz“ erregte einen un— 
beschreiblichen Taumel; jedes junge Maͤdchen sang: „Kommt ein 
schlanker Bursch gegangen“, jeder Juͤngling schmachtete: „Einsam bin 
ich nicht alleine“, jeder Malergeselle uͤbte auf seiner Leiter: „Durch die 
Waͤlder, durch die Auen“, und jeder Baͤckerjunge pfiff den Jaͤgerchor oder 
„Wir winden dir den Jungfernkranz“. 
In einer solchen musiktollen Stadt gab es denn auch genug zu per— 
siflieren. Und das Blatt , Wie die Berliner zwei Taler mit 
Gewalt hloswerden“ (S. 156) ging kraͤftig mit den Musiknarren ins 
Gericht. Die sentimental-dilettantische Hausmusik aber wurde von dem 
anonymen Blatt „Piano — forte“ getroffen. S. 123. 
Auch an den Sittenzustaͤnden gingen die Karikaturenzeichner der Re— 
sidenz nicht still voruͤber. Hosemann, der feine Zeichner des alten Berliner— 
tums, hat manch solch Blatt geschaffen wie das „Alle Teufel —,meine 
Frau!“ betitelte, auf dem ein abenteuerlustiger Ehemann entdeckt, daß 
hn die bisher unbeachteten Schoͤnheiten und Reize seiner eignen Frau
	        
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