Path:
Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

358 
lichen damit ins Gesicht. Bei dem „verwegenen Menschenschlag“, der 
nach Goethes Wort in Berlin lebte, war das vielleicht selbst in der 
Biedermeierzeit noͤtig. 
Und auch die huͤbschen jungen Frauen, die zum Einkauf auf die Maͤrkte 
gingen, durften nicht nur liebliche Geschoͤpfe sein. Die Berliner Hoͤker- und 
Marktweiber waren allezeit gefuͤrchtet ob ihrer furchtlosen Rede. Doͤrbeck 
hat eine von ihnen gezeichnet, wie sie zwischen ihrem Kram sitzt, die Arme 
verschraͤnkt, und herausfordernd fragt: „Wat, Sie will mir!“ S. 264. 
In diesen Worten liegt die ganze kriegerische Stimmung des Berliner 
Marktweibes. Glaßbrenner hat im dritten Band „Berliner Volksleben“ eine 
Anzahl Anekdoten von ihnen mitgeteilt, von denen hier noch einige stehen 
moͤgen: 
Das Stehlen. 
Mehrere Hoͤkerinnen saßen auf einem Platz und unterhielten sich. 
Waͤhrend des Gespraͤchs zog die eine aus Scherz der andern das Schnupf— 
tuch aus der Seitentasche. Diese bemerkte es erst, als die andern lachten, 
und sagte, indem sie das Tuch wiedernahm: „Det muß ick sagen, det Stehlen 
verstehste meisterhaft!“ — „Na, hoͤr' mal,“ antwortete die andre und sah 
sie ein wenig von der Seite an, „dein Lob koͤnnte mir wirklich 
stolz machen!“ 
Die Stinte. 
Eine Hoͤkerin, welche Stinte zum Kauf 
umhertrug, ließ auf dem Hofe ihre Stentor— 
stimme erschallen. Der Wirt dieses Hauses 
steckte seinen Kopf aus dem Fenster und rief: 
„Na, dummes Weib, geh Sie doch auf die 
Straße und schreie Sie hier nicht Ihre 
Stinte aus!“ — „IJ, antwortete die 
Hoͤkerin, „seh Er doch mal! Worum soll ick 
denn nich schreien? Wenn meine Stinte so'n 
großet Maul haͤtten wie er, denn koͤnnten se 
sich freilich alleene ausrufen!“ 
244 
e⸗ _—Xe Na — 2 
⸗ ͥ- 
Bordellszene im 18. Jahrhundert. 
Garkeine Zeit. 
Ein Herr fragte neulich zur Mittags— 
zeit eine Hoͤkerin, was die Glocke waͤre. 
„Nischt!“ war die Antwort. 
„Wieso?“ 
„Nu, et is noch nich mal eens!“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.