Path:
Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

254 
In Wirklichkeit hat sich denn auch das Berlinertum nie so lebhaft und unver— 
faͤlscht geaͤuhßert wie in der Biedermeierzeit. Zwar befanden sich auch damals 
genuͤgend Fremde, nicht in der Stadt Geborene, in Berlin. Das war eben 
immer so — seit Berlin sich ruͤhrte. Koͤnig berichtete ja schon Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts, daß er nur wenig „echte“ Berliner gefunden habe, 
wohl aber viele Zugezogene. Aber die Stadt und ihr Leben wandelten 
damals rasch die neuen Elemente um. Alle befleißigten sich, das Berlinertum 
anzunehmen. 
Die Haupteigenschaften des Berlinertums aber waren damals seine 
Lustigkeit, sein Witz und seine Satire. Schon in Chodowiecki waren sie 
manchmal in die Erscheinung getreten. Er hatte sich uͤber die kranke Frau 
lustig gemacht, die sofort gesund wird, wenn das neue Kleid kommt; er hatte 
uͤber „disputierende, nicht zankende Schoͤne“ gescherzt; er hatte die 
Berliner Kleinbuͤrger gezeichnet, wie sie, mit Proviant aller Art beladen, 
nach Franzoͤsisch-Buchholz, einem Nachbardorf, ziehen, als haͤtten sie eine 
wochenlange Wallfahrt vor sich. 
Das Kleinbuͤrgertum gab nun auch der folgenden Kuͤnstlergeneration 
eine willkommene Gelegenheit, ihre berlinische Vergnuͤgtheit zu zeigen. 
Gottfried Schadow, dessen Skulpturen und Portraͤtbuͤsten jetzt wieder ge— 
wuͤrdigt werden, gab hier den Ton an. Als guter Patriot machte er sich 
besonders gern uͤber die Franzosen lustig. Sein Blatt, auf dem eine fran— 
zoͤsische Schildwache mit dem Bajonett auf eine Waschfrau losgeht und sie ihm 
zuruft: „Jott, hab' Sie sich nich, La Vache!“, ist ja ziemlich bekannt. Weniger 
bekannt aber wird das Blatt sein, auf dem er eine Tanzgesellschaft parodiert. 
Die uͤbermuͤtige Darstellung findet sich auf einer Einladung zu einem Fest 
Berliner Kuͤnstler. Unter der Zeichnung stehen die gefluͤgelten, aus Angelys 
„Fest der Handwerker“ stammenden Worte: „Na, dadrum keene 
Feindschaft nich!“ Wahrscheinlich bezog sich Schadows Darstellung 
des Tanzvergnuͤgens auf bestimmte Vorkommnisse im Kuͤnstlerverein. S. 144. 
Schadows Blaͤtter leiteten ganze Serien von satirischen Schilderungen 
aus dem Berliner Leben ein. An ihnen beteiligten sich alle bekannteren 
Kuͤnstler. Auch Franz Kruͤger, der elegante Maler der Paraden und Reit— 
ausfluͤge, tat sein Scherflein dazu. Von einer Serie „Berliner Fuhrwerke“, 
zu der wohl B. Doͤrbeck die meisten lieferte, wird ein Blatt ganz bestimmt 
Franz Kruͤger zugeschrieben. Es schildert die Kremser, die vor dem Branden— 
burger Tor hielten und die Berliner zu Ausfluͤgen nach dem idyllischen 
Charlottenburg einluden, einem Dorf, das damals noch weit, weit hinter dem 
Tiergarten lag. Die Kutscher hatten das richtige Berliner Mundwerk. Laut 
und aufdringlich forderten sie die Voruͤbergehenden zum Mitfahren auf. Es 
kam ihnen auch nicht darauf an, zur Unterhaltung ihrer Fahrgaͤste, die wegen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.