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Kleinbürgertum und Proletariat

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Thodowiecki: Gutes Beispiel. 
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Lhodowiecki: Böses Beispiel. 
stigen Fasching beschlossen. Mehrmals, 1669 und 1690 war das von den 
Kurfuͤrsten verboten worden. Aber das Volf zeigte keine Neigung zum 
Pietismus, der von manchen Kanzeln, besonders von dem Suͤddeutschen 
Spener gepredigt wurde. Ein innerliches Leben des Einzelnen, ein Hin— 
neigen zum individualistischen Hochmut und zur religioͤsen UÜberhebung 
des pietistisch Kultivierten entsprach nicht den rauhen Lebensbedingungen 
des Volkes. Das war nur den Damen vorenthalten, die fern von allen Sorgen 
ums Brot des Lebens lebten und nur die eine Aufgabe hatten, ihre Seele 
zu verfeinern und zu verschoͤnen. Moͤgen die Pietisten auch manche wuͤsten 
Rohheiten, die der große Krieg hinterlassen hatte, gemildert haben, sie lebten 
doch zu sehr in pharisaͤischem Hochmut, als daß sich mehr als das „Daͤumeln“ 
auf das Volk uͤbertragen konnte. In jeder Unsicherheit wollte man das Wort 
Gottes als letzte Entscheidung gelten lassen und schlug die Bibel ganz beliebig 
auf. Den Spruch, den der Daumen traf, den nahm man als den „Fingerzeig 
Gottes“. Im uͤbrigen herrschte auch im Kleinbuͤrgertum ein linkisches Streben 
nach Anstand und Wuͤrde. Der kindliche Frohsinn und der Mutwillen waren 
durch die Religionszaͤnkereien und durch die Leiden des dreißig jaͤhrigen 
Krieges in ein steifes und unbeholfenes Wesen verwandelt worden. Bei 
Festen war man ausgelassen und trieb Ubermaß in Speise und Trank, scherzte
	        
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