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Die Damen

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Über ihr Gesicht glitt ein begeistertes Leuchten und ihre fest zufassenden 
Haͤnde druͤckten die Rechte des still Lauschenden. 
Ihr Herz pochte wie Jugend. 
Aber um ihren Mund lagen Erinnerungsfurchen von Stunden, 
die auch sie durch Leiden gefuͤhrt hatten, die bewiesen, daß auch 
der Kampf fuͤr die Leidenden nicht ohne Leiden voruͤbergeht. 
Wenn aber die Augen und das Gesicht von Liebenswuͤrdigkeit 
strahlen, wenn zu ihren Empfaͤngen im Lyzeumsklub sechzig bis 
achtzig Menschen kommen, wenn zehn bis fuͤnfzehn Herren dem Kolo— 
ratur-Gesang einer von ihr protegierten Schuͤlerin der Marchesi, einer 
jungen Rezitatorin oder einem bekannten Sozialpolitiker lauschen — wenn 
ihr von allen Herzen die Liebe wieder zustroͤmt, die sie allen mit charman⸗ 
ter Herzlichkeit bietet, dann schwinden die Leidensfurchen und die junge 
eifrige Weltstadt 
koͤnnte kein echteres 
Symbol haben, als 
ein Portraͤt solcher 
Dame. 
Manche Eigen⸗ 
schaft dieser Dame 
ist eine typische. 
Viele Berliner Da— 
mensind uͤberall taͤtig, 
im Parlament, in 
Vereinen, in Klubs, 
versaͤumen fast kein 
gesellschaftliches Er— 
eignis und muͤssen 
bei allen sensatio— 
nellen Vortraͤgen, 
allen Erstauffuͤhrun— 
gen, allen großen Kon⸗ 
zerten und bei noch 
einigen nichtigen Vor⸗ 
gaͤngen dabei sein. 
Sie haben nicht immer 
die Faͤhigkeit, sich zu 
konzentrieren. Sie 
haben keinen eigenen
	        
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