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Die Damen

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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anderen Weltstaͤdten kaum an Glanz und Vornehmheit zuruͤckstehen. Einzelne 
Kuͤnstler haben wiederum dadurch neue Anregungen erfahren. Interieurs, 
wie sie Fritz Rhein und Robert Breyer malen, koͤnnen nur durch eine solche 
bedeutsame Wechselwirkung entstehen. Auch auf den Bildern von Max 
Slevogt, einem der reichsten und staͤrksten Kuͤnstler der Sezession, dokumen— 
tiert sich der neue Geschmack. Was sich in den Gemaͤlden und Skulpturen der 
Sezession und auch in denen mancher Kuͤnstler der großen Kunstausstellung 
am Lehrter Bahnhof offenbarte — man braucht nur an Arthur Kampf denken 
— war eine Teilerscheinung des Kampfes um neue Lebensformen. Die 
Architektur, die Innendekoration, der Schmuck, ja selbst die Kleidung erhielt 
neuen und koͤstlichen Wert. Messel schuf ja nicht nur das neue Geschaͤftshaus 
im Wertheim-Palast, er baute auch im alten Tiergartenviertel neue Buͤrger— 
palaͤste. Der Burgenstil, der manches schoͤne Landschaftsbild draußen im 
Grunewald, am Wannsee und vielen andern Stellen verschandelt hatte, 
die mittelalterliche Kitschromantik — das war nun endgiltig in Berlin uͤber— 
wunden. Die Kuͤnstler begannen an die guten buͤrgerlichen Traditionen 
unserer Urgroßvaͤter anzuknuͤpfen. Die Butzenscheiben verschwanden. Licht 
und Luft kam in die hohen, hell und farbig ausgestatteten Raͤume. Bruno 
Paul wurde als Direktor ans Kunstgewerbemuseum berufen. Die Wohn— 
raͤume, die er ausstattet, aͤhneln in manchem denen der Biedermeierzeit — 
und sind doch etwas Neues. Sie haben nur die wohldurchdachte Linie und 
die Gediegenheit des Materials jener Jahre, sind aber doch in der Wirkung 
und im Aufbau moderner. Er und sein Kreis, zu dem nicht nur die enger mit 
ihm Verbuͤndeten, sondern alle mit gleichen Zielen zu rechnen sind, schufen 
Zimmer von außergewoͤhnlicher Behaglichkeit, zu der sich Eleganz und Pracht 
gesellten. In seinen Empfangszimmern stehen wieder Glasschraͤnke, gefuͤllt 
mit feinen Poterien, Spitzen, feingearbeiteten Schmuckstuͤcken und allerlei 
anderem kostbaren Kram. Die Waͤnde sind mit Stoffen beschlagen. Groͤßere, 
gruͤnbelegte Tische stehen vor gemuͤtlichen Eckpolstern; Fußbodenbelag, 
Fenstervorhaͤnge, Sesselbezuͤge, das Holz der Moͤbel — alles eint sich zu einem 
malerischen Ganzen. Selbst kommodenartige Behaͤlter stehen wieder in 
solchem Damenzimmer. In ihren Kaͤsten und Schubfaͤchern bergen die 
Damen kostbare orientalische Gewebe, Schmuckstuͤcke und interessante andere 
Kleinigkeiten. Im Buͤcherschrank aber findet der Besucher neben Goethe 
Casanova, neben Wilhelm Boͤlsche Stefan George. und neben Hofmanns-— 
talschen Versen Neuausgaben vom Dekamerone, die Briefe der Ninon de 
Lanclos und andere galante Literatur. Dazu dann auch wohl religioͤse 
Literatur — Meister Ekkehart, Kalthoffs Religion der Moderne — und 
paͤdagogische Streitbuͤcher. — Auch andere Gebiete der Kunst er— 
neuerten sich. Hatte Brahms das Wort und die Gedanken der modernen
	        
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