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Die Damen

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

Wenn irgendein Bericht uͤber eine Stadt geschrieben wurde, so vergaß 
der Schreiber selten, von den Frauen der Stadt zu erzaͤhlen. Ist doch 
die Frau gewissermaßen die Verkoͤrperung des eigentlichen Wesens einer Stadt. 
Wer eine Stadt darstellen will, braucht eigentlich nur eine von seinen Be— 
wohnerinnen richtig zu zeichnen — und er wird ein Symbol geschaffen haben, 
das jeder verstehen wird. Allerdings muß er dann diese Bewohnerinnen bis 
ins Innerste hinein kennen. Und hier beginnt das, was so außerordentlich 
schwer zu loͤsen ist, seine Zaͤune aufzurichten: das Raͤtselwesen Weib schlaͤgt 
seine Sphinxaugen auf und laͤchelt. Ja, wer dieses Laͤcheln immer verstehen 
und deuten koͤnnte! Ist es Guͤte — Verheißung — Spott — Wehmut — Lust 
oder Schmerz — Mutterfreude oder Dirnenlocken — wer will es ent— 
scheiden? Wer hat den Mut? 
Immer wieder finden sich viele, die sich vor der Frau hinstellen und 
verkuͤnden: Wir — wir haben das Raͤtsel geloͤst. Und sie schlagen mit ihrem 
Narrenstecken auf das Bild, das sie selbst gemalt, und meinen, die Schatten 
und die Lichte, die aus ihrem Pinsel stammen, seien die Wirklichkeit, seien 
des Raͤtsels letzte Loͤsung. 
Aber es gibt keine letzte Loͤsung. Das Leben schafft immer neue Raͤtsel. — 
Wer dachte vor zweihundert Jahren daran, daß Berlin einst eine Welt— 
stadt werden wuͤrde und daß die Menschen, die in ihr wohnen, wohl mit ihren 
Sitten und Gebraͤuchen das Interesse vieler erwecken wuͤrden? Damals 
interessierte sich kaum jemand fuͤr diese junge Koͤnigsstadt, die genau so eine 
deutsche Kleinresidenz war, wie viele andere, wie Hannover und mehr nord— 
deutsche Orte. Über die Stadt selbst ließ sich so wenig sagen wie uͤber ihre 
Frauen. Es gab eben noch keine Berlinerinnen, die sich durch besondere 
Wesenszuͤge ausgezeichnet haͤtten. Sonst haͤtten wir wohl ausfuͤhrliche und 
genaue Berichte uͤber die Damen Berlins unterm ersten Preußenkoͤnig — 
denn uͤber die Damen einer Stadt wird ja immer zuerst geschrieben. In der
	        
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