Path:
Die Damen

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

106 
verkehrten bei Elisa von Hohenhausen — und Wildenbruch las hier zuerst 
seine heftigen Werke vor. 
Doch die Berliner kuͤmmerten sich wenig um solche Dinge. Sie wollten 
Geld verdienen und sich amuͤsieren. Und als sie in den folgenden Jahren ihr 
Geld verloren, als der Krach in der Mitte der siebziger Jahre viele neuge— 
gruͤndeten Fabriken veroͤdete und ganze Scharen von Fabrikarbeitern brotlos 
in Berlin herumliefen, wollte die Berliner Gesellschaft sich erst recht amuͤ— 
sieren. Sie fuͤllte das riesige Viktoria-Theater, in dem Ausstattungsstuͤcke 
gespielt wurden, allabendlich fast bis auf den letzten Platz. Selbst die liebens— 
wuͤrdigen oder sentimentalen Possen der Kalisch und seiner Nachfolger, die 
Volksstuͤckke von L'Arronge und seiner Kollegen, die doch alle nur der 
Unterhaltungslust des Publikums opferten, genuͤgten ihm nicht mehr. 
Die Berliner brauchten staͤrkere Reize fuͤr ihre Augen, denn fuͤr 
die allein arbeitete die Buͤhne des Viktoriatheaters. Ebenso wie im Opern— 
haus waren Balletauffuͤhrungen mit vielen huͤbschen Maͤdchengestalten, 
leicht und malerisch gekleidet, der Hauptzweck des Theaters. Alles andere 
stand auf einem unerhoͤrt tiefen Niveau — wie die ganze zu frische Kultur dieses 
kulturlosen Kolonialoolkes, das ploͤtzlich Berlin uͤberschwemmte und auch in 
der Baukultur den vornehmen klassischen Berliner Stil mit protzigem Re— 
naissancestuck verdraͤngte. In diesen Neubauten von 1875 bis 1900 dokumen— 
tierte es ein entsetzliches Protzentum. 
Jeder wollte zeigen, was er fuͤr ein Kerl sei. Und die Damen wollten 
damals zeigen, was fuͤr prachtvolle, Weiblichkeiten sie besaßen. Uppige Ge— 
stalten wurden bewundert. Der Busen galt ja immer viel in Berlin. Das 
waͤre kein schlechtes Zeichen. Junge zukunftsreiche Voͤlker verehren ja gern 
die Naͤhrquelle der Saͤuglinge, der Volksjugend. Aber Berlin ehrte nicht diese 
Naͤhrquelle, sondern die Augenlust der uͤberquellenden Uppigkeit. Und die 
Wespentaille, die mit Korsett und Gewalt erzeugt wurde, sollte zugleich 
Jugendlichkeit vortaͤuschen, waͤhrend Polster an den Huͤften und an anderen 
unaussprechlichen Stellen reifste Fraulichkeit erzeugen sollten. In den 
siebziger und achtziger Jahren waren jene enganliegenden Kleider besonders 
in der hoͤchsten Berliner Gesellschaft modern, gegen die Vischer seine Flug— 
schrift „Mode und Cynismus“ geschleudert hat. Siehe auch Klingers 
humorvolle Radiernng von der Rollschuhbahn, auf der sich Anfang der 
achtziger Jahre die feine Lebewelt Berlins traf. In den Kleider— 
handlungen wurden besonders Pariser Modelle gekauft — wie ia heute 
auch noch besonders die Festkleider. Diese Kleider verlangten alle die 
Wespentaille, die Fuͤlle des Busens, der Huͤften und auch dessen, was unter 
den Huͤften liegt und was oft mit Kissen verstaͤrkt wurde. Das war das Ideal 
der Maͤnner von damals.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.