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Die Damen

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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brunst Verungluͤckten; sie huͤllen sich in den Cachemirschawl und besuchen die 
Waisenkinder; sie fahren zum Wettrennen, oder sonst wohin, und sammeln 
fuͤr das „Nicolaus-Buͤrger-Hospital“ oder fuͤr die „preußische Marine.“ 
Das war in den Jahren der Organisation. Alle Damen waren eifrig 
taͤtig, neue Formen zu schaffen. Uberall trat der Zusammenschluß von Gruppen 
zutage. Die neue buͤrgerliche Gesellschaft, die sich Parlamente errungen, 
aber noch keinen ausgebildeten sozialen Aufbau besaß, mußte alles das durch 
Wohltaͤtigkeit und Fuͤrsorge ersetzen, was ihr an wirtschaftlicher Struktur 
fehlte. Und hier fanden die Damen ein Lebensziel. Die Kaiserin Augusta 
oerschaffte besonders den Damen durch ihren Einfluß und ihre Machtstellung 
bei der Organisation der vaterlaͤndischen Frauen-Hilfs- und Landesvereine 
unter der Fahne des Roten Kreuzes, die freiwillige Krankenpflege in Krieg und 
Frieden und Hilfe bei allgemeinen Notstaͤnden gewaͤhrten, und auch in der 
Armenpflege eine bisher nie erreichte Stellung. Sie hatte allerdings hier 
nur ihren Einfluß einzusetzen. Die Organisationen selbst waren von Buͤrger⸗ 
lichen angeregt und gegruͤndet worden. Schon im Krimkriege hatte die Eng— 
laͤnderin Nightingale die freiwillige Krankenpflege eingerichtet. Und inDeutsch— 
land war es Lina Morgenstern, die den Opfern der Kriege ein wenig Lin— 
derung brachte. Im Jahre 1870 hatte sie in Berlin die Verpflegung der nach 
Frankreich durchziehenden Truppen organisiert. An einem einzigen Tage 
kamen allein 14 000 Soldaten durch Berlin; jeder erhielt Fußlappen, Wein 
oder Bier, Zigarren und eine Verbandtasche. Als aber nach dem ersten Kriegs— 
rausch die ersten Verwundeten von den Schlachtfeldern kamen, stellte es sich 
heraus, daß keine Behoͤrde fuͤr sie gesorgt hatte. Kein Arzt und kein Heil—⸗ 
gehilfe begleitete die langen Zuͤge, in denen Verwundete und Sterbende 
in fuͤrchterlichem Zustand beisammen lagen. Kein Arzt und kein Heilgehilfe 
empfing die Leidenden und Schmerzreichen an der Bahn. Da ergriff die 
Frauen ein Schauer. Sie verbanden selbst die Blutenden und Eiternden 
und gaben ihnen Reisegeld. Nur sechs Frauen konnten die vielen Tausende 
pflegen, die in den Schlachten nicht von Kugel und Schwert verschont worden 
waren. Einzelne Frauen blieben mehrere Tage und Naͤchte hintereinander 
in diesem Dunst von Blut und Tod — um zu erkennen, daß ihre schwachen 
Haͤnde nicht ausreichten. Sie engagierten selbst zwei Arzte und zwei Heil— 
gehilfen. Aber auch jetzt konnten sie des Jammers und der traurigen Zu— 
staͤnde nicht Herr werden, die von den Zuͤgen, in denen Franzosen und Deutsche 
beisammen lagen und von denen schon viele verblichen waren, geradeswegs 
oon den franzoͤsischen Schlachtfeldern hergebracht wurden. Nun ging Lina 
Morgenstern zur Kaiserin Augusta. Die Kaiserin hatte 1866 taͤglich die Laza— 
rette besucht und auch im Jahre 1870 Unter den Linden 12 ein Zentralbuͤro 
mit einrichten helfen, in dem die Liebesgaben registriert, Waͤsche, Binden
	        
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