12
Viele andere aber waren von der Not der Zeit in ganz neue Bahnen
gedraͤngt worden. Die Katastrophe von 1806 und die ihr folgende Be—
druͤckung durch den ewig im Land liegenden und schmarotzenden Feind
machten aus den leichtherzigen Menschen vom Jahre 1800 ernstbluͤtige,
reuige Maͤnner und Frauen. Wir koͤnnen uns kaum denken, daß eine als
Leidende in unserm Innern lebende Frau vor jenem Ereignis auch freudig
und heiter gewesen. Aber die Koͤnigin Luise hat ebensolche Feste in Berlin
angeregt und bei ihnen mitgewirkt, wie sie damals an vielen Hoͤfen Mode
waren. Fanny Lewald beschreibt in ihrem historischen Roman Prinz Louis
Ferdinand einen Maskenball, der zu Ehren des Geburtstages der Koͤnigin im
Schauspielhaus vom Prinzen veranstaltet wurde. Alle Raͤume waren in
Bosketts verwandelt. Das ganze innere Schauspielhaus war als Tempel der
Freude und Begeisterung dekoriert. Beim Festspiel, Alexanders Ruͤckkehr
von seinem indischen Siegeszuge, wirkten nicht nur die Hofgesellschaft,
sondern die Koͤnigin selbst mit. Mitten auf der Buͤhne erhob sich der Tempel
der Sonne, in dem Abgesandte wilder Voͤlker, Magier und die Frauen des
Darius opferten, angefuͤhrt von Statira, des Darius Tochter. Es war die
Koͤnigin von Preußen. Die schoͤnsten Frauen des Hofes, Prinzessin Wilhelm,
die Fuͤrstinnen Radziwill und Hatzfeld, die Graͤfinnen Tauenzien, Hardenberg
und Moltke bildeten die hervorragendsten Erscheinungen ihres Gefolges.
Mit aller Wuͤrde stieg die Koͤnigin die Stufen des Altars empor, sich dreimal
neigend und den Schleier zuruͤckschlagend, welcher sie bis dahin verhuͤllt hatte.
Mit ausgebreiteten Armen, das schoͤne Antlitz zur Sonne erhoben, flehte sie
Segen herab auf diese Stunde — dann empfing sie aus der Hand der Prin—
zessin Wilhelm die goldene Opferschale; die Fuͤrstin Radziwill fuͤllte sie, und
dreimal frisch gefuͤllt, goß die Koͤnigin sie in das heilige Feuer des Altars.
Ein allgemeiner Ausruf des Entzuͤckens ertoͤnte durch das Haus, nur die
Achtung hielt das donnernde Vivat zuruͤck. . ..
Koͤnigin Luise ward seit ihrem Einzug in Berlin angebetet und ver—
goͤttert. Die Ankunft der siebzehnjaͤhrigen Kronprinzessin brachte in das
vergnuͤgungssuͤchtige Berlin unter Friedrich Wilhelm II. einen neuen Ton.
Weder war sie eine Weltdame noch eine Salongroͤße. Mit ihrer Anmut und
Herzensguͤte gewann sie alle. Sie und ihr Mann Friedrich Wilhelm III.
wollten nichts sein als das Schulzenpaar von Paretz, dem ganz abseits vom
hoͤfischen Potsdam gelegenen Landhaus. Sie wollten nicht durch die einge—
fuͤhrte franzoͤsische Etikette beengt sein und im eigenen Hause das Vorrecht
des Privatlebens genießen. Sie duzten sich gegen die Hofsitte, ließen sich
nie beieinander melden, und der Hofmarschall durfte ihnen nie bei der Tafel
aufwarten. Auch in der Einrichtung ihrer Wohnung sprach sich ein anheimelnder
Zug zur Einfachheit aus. Ihr Zimmer war so gemuͤtvoll eingerichtet, wie das