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III. Gabriele. Aufenthalt in Wien 1810 bis 1814. Reise durch die Schweiz nach Berlin 1814. Adelheids Heirath 1815. Einsegnung. Reise nach Frankfurt a. M. 1816

Full text: Gabriele von Bülow (Public Domain)

Aufenthalt in Wien 1810-1814. 
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Hat mich des Zephyrs Flügel hergetragen, 
Ungern verließ ich, Tiber, Deine Wogen. 
Du schäumst nun einsam durch die Felsenbogen, 
Von einer ausgestorbnen Welt geschlagen, 
An deren Traum manch dunkle Dichtersagen, 
Manch glühend Herz sich liebend festgesogen. 
Ich darf jetzt nicht in Deinem Thau versinken, 
Nicht Deiner Wellen sanftem Murmeln lauschen, 
Nicht Deines Athems leise Kühlung trinken! 
Hier, wo die dunklen fremden Wogen rauschen, 
Trieb es mich her, wie mir die Götter winken, 
Gruß, Kuß und Liebe mit dem Freund zu tauschen 
Die Donaunymphe: 
Wer ist die Fremde? — Lorbeerzweige 
Nennen ein südliches Vaterland, 
Und doch sind die Züge mir lieb und bekanni! 
Sei mir willkommen in meinem Land, 
Sei mir willkommen in meinem Reiche, 
Wenn das Auge nicht trügt, so sind wir verwandt? 
Die Tibernymphe: 
Das Auge hat die Schwester nicht betrogen, 
Und so erwidr' ich schwesterlich den Gruß 
Fern aus Hesperien komme ich gezogen, 
Die stille Priesterin am Tiberfluß, 
Und suche jetzt am Ufer Deiner Wogen, 
Was ich in meinem Reich entbehren muß. 
Mein blühend Land, trotz allen seinen Schätzen, 
Kann mir den Freund, den theuren, nicht ersetzen. 
Die Donaunymphe: 
Und kenn' ich ihn? 
Die Tibernymphe: 
Wie wirst Du ihn nicht kennen, 
Ihn, den die Besten Deiner schweren Zeit 
In ihrem Kreis mit Stolz und Freude nennen 
Der halb dem Leben, halb der Kunst geweiht, 
Was Andre schwer in einem Streben können 
Die goldnen Bilder der Vergangenheit, 
Und was die Gegenwart sich Edles wählte, 
In seines Wissens Blüthenkranz vermählte. 
Die Donaunymphe: 
Oh! nun kenne ich den theuren Mann, 
Mein Liebster hat ihn oft gepriesen 
Und will ihn preisen, solange er kann, 
Solange die Wellen noch fließen.
	        
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