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VII. Bülows in London 1828-1833. Reisebericht. Anfang des Londoner Lebens. Abreise der Eltern. Krankheit und Tod der Mutter 1829

Full text: Gabriele von Bülow (Public Domain)

Bülows auf dem Lande beim Herzog und der Herzogin von Clarence. 259 
Interessanten, das ich erlebe, so viel in diesen Räumen Deiner gedacht, 
daß, mich wieder darin befindend, es mir wie eine Art Wiedersehen 
mit Dir vorkommt. Ach, noch Einer gedachte ich damals hier so viel, 
und gedenke ich jetzt nicht weniger. Die mich dabei bewegende tiefe 
Wehmuth thut mir aber mehr wohl als weh bei der überhaupt in mir 
herrschenden Stimmung in diesen Tagen, die dem, an dem wir sie ver— 
loren, so nahe sind. Morgen ist's ein Jahr, daß ich ihren Tod erfuhr! 
Ach, wie ich voriges Jahr ungefähr einen Monat früher hier war, hoffte 
ich so viel für ihre Wiederherstellung, an der ich ja überhaupt nie so 
ganz zweifelte — nun umgiebt mich Alles ebenso wie damals, aber die 
Hoffnung ist zu Grabe getragen! — 
... Ich hätte Dir gewiß bereits schon mehr geschrieben, aber ich 
kann oft die Augen nicht weg wenden von der freundlichen Aussicht aus 
meinem Fenster auf die weite herrlich grüne Fläche, von dem frischen, zarten 
Frühlingsgrün der sie einfassenden Bäume, einer nicht fern so still und 
friedlich daliegenden kleinen Meierei, dem unbewölkten Himmel. Auch 
das Gezwitscher der Vögel dringt mir so angenehm ins Ohr, kurz, ich 
möchte träumen, ich meine, so hinsinnen, und doch möchte ich Dir schreiben, 
Geliebte. Mit Beidem wird es wohl bald sein Ende haben, denn ich 
sehe, es ist bald zwölf, wo mich die Herzogin zum Spazierengehen wird 
rufen lassen, und sie ist sehr pünktlich. Der Herzog ist es schwerlich 
weniger als unser König, es geht hier im Hause Alles auf die Minute, 
und heute Morgen, wo ich Bülows zurückgehender Uhr wegen etwas 
zu kurz mit der Zeit war, habe ich mich sputen müssen, um, wie's auch 
glücklich gelungen ist, vor halb zehn im Frühstückszimmer zu sein, wo 
Alle zusammen frühstücken.“ 
Später: 
„Du siehst, Geliebte, daß ich vorgestern wirklich bald unterbrochen 
wurde. Nach dem fand ich auch keinen Augenblick wieder zum Schreiben. 
Wir machten von zwölf bis zwei Uhr, der Herzog, die Herzogin und wir 
Beide, einen weiten Spaziergang, erst im Spaziergarren, wie ich's zur 
Unterscheidung nenne, dann in den Blumen- und Gemüsegärten, Treib— 
häusern u. s. w. Ich sehe dieses wirthschaftliche Departement des Garten— 
wesens immer gern, besonders aber hier in England, wo sie auch das 
so gründlich verstehen und Nützlichkeit und Hübschheit so verständig 
zu vereinigen wissen. Von diesen Besichtigungen, die für mich noch 
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