Path:
VII. Bülows in London 1828-1833. Reisebericht. Anfang des Londoner Lebens. Abreise der Eltern. Krankheit und Tod der Mutter 1829

Full text: Gabriele von Bülow (Public Domain)

Brief Frau v. Humboldts an ihre Tochter aus Gastein. 209 
einige Ruhe und Freudigkeit. Mit Dir schwand die Blüthe meines 
Lebens, doch ich unterwerfe mich schweigend. 
Heute ist wieder ein furchtbarer Nebel, nur hie und da blicken 
Berggipfel schwach hervor, das Thal ist dieses Jahr von der düstersten 
Melancholie — nun, Caroline sagt nicht mit Unrecht: zum Schießen. 
Und kalt, kalt, meine Zimmer nach Norden gelegen und höchstens zwölf 
und dreizehn Grad außen und innen. Der Vater ist aber in der 
göttlichsten Laune, weil auch nicht ein Mensch von eigentlichen Bekannten 
hier ist; er möchte, sagt er, daß, wenn ein Tag um ist, derselbe wieder 
anfange, und dergleichen Dikta mehr. Außerdem droht uns die Seccatura, 
den 8. ausziehen zu müssen auf einen Tag, weil der Erzherzog 
Rainer mit seiner Gemahlin und Kindern auf eine Nacht herkommt 
und einundzwanzig Zimmer bedarf. Sotto sopra wird's hergehen, und 
wohin mit der Bagage? Zwei kleine Mansarden sollen wir bekommen. 
Wir haben heute das neunzehnte Bad genommen, kommen wir fort, so 
geschieht es wahrscheinlich den 13. Hier bekomme ich wohl keinen 
Brief mehr von Dir, theures Herz, ach, im glücklichsten Falle bin ich 
über drei Wochen ohne Nachricht von Dir, ohne alle Nachricht. In 
Berlin, was wir frühestens den 25. September, spätestens den 30. 
erreichen, finde ich doch wohl einen Brief von Dir? Wir möchten die 
nomadische Naturforschergesellschaft vermeiden, die in der zweiten Hälfte 
des September in Berlin herumschwärmt, denn ehe wir nicht eine Köchin 
haben, kann es in Tegel nur ein fataler Aufenthalt sein. Ach, überhaupt 
Tegel! wie fürchte ich mich! Den Morgen, wo Du nach Ludwigslust 
abreistest, habe ich Dich zuletzt da gesehen! Linchen zeigte immer 
nach der Thür des Thurm-Schlafkabinets. „Mama“, rief sie; da warst 
Du hinausgegangen, von da solltest Du zurückkommen und sie nehmen. 
ach, meine Gabrielle — nun werde ich nach der Thür schauen so lange — 
Gott! wie lange? — 
Es freut mich, daß die Lust zum Singen so wieder bei Dir erwacht, 
und daß Du Dir ein Instrument zulegen willst. Du hast wirklich eine 
schöne, von innerem Gemüth bewegte Stimme. Hätte Mile. Sonntag 
den zehnten Theil der Bewegung Deines Innern, wenn sie singt, dann 
wäre sie, bei der Ausgebildetheit und Geläufigkeit ihrer Kehle, eine große 
Sängerin. Vielleicht entschließest Du Dich, einige Monate lang außer 
der Season einen Lehrer zu nehmen, um wieder in die Gewohnheit der 
Gabriele v. Bülow. Ein Lebensbild. 14
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.