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XII.

Full text: Lassalle / Schirokauer, Alfred (Public Domain)

271 — 
„die Verfassung ist ein nichtiges Stück Papier ohne 
realen Hintergrund. Lieber Freund, uns ist sie das 
Panier, um das wir uns bis zum letzten Blutstropfen 
scharen. Nicht auf der Barrikade. Nein. Mit der 
Kraft, die das Bewußtsein des Rechtes gibt.“ 
Und Dohm fiel ein: 
„Es ist geradezu ein Frevel, den Konflikt auf 
eine Machtprobe zuzuspitzen. Dann kann die Re- 
gierung nicht nachgeben. Wir müssen gerade im 
Gegenteil immer wieder betonen, daß wir nicht um 
die Macht, sondern um unser verfassungsmäßiges 
Recht kämpfen.“ 
Vergebens suchte Lassalle sie zu überzeugen. 
Doch sehr bald gab die Entwicklung der Dinge 
ihm recht. 
Als er von seiner Reise zur Londoner Weltaus- 
stellung und von der Bahre seines plötzlich dahin- 
gerafften Vaters im Herbst heimkehrte, war der 
Konflikt für jedermann klar zum Machtkampf ge- 
worden. 
Der neugewählte Landtag des Jahres 1862 trat 
am 11. September in die Beratung der Militärvorlage 
ein. Nach siebentägiger Redeschlacht beschloß* er 
mit 273 gegen 48 Stimmen, die gesamten Kosten der 
Heeresreform aus dem Haushaltungsplane für 1862 
zu streichen. Das Ministerium Hohenlohe-Ingel- 
fingen war in furchtbarer Niederlage niedergerungen. 
Am Morgen des 21. September stand König 
Wilhelm am Fenster seines ÄArbeitskabi- 
netts und blickte mit umflorten Augen hinaus in 
den herbstlich bunten Park von Babelsberg. Er 
hatte seit vielen Nächten nicht geschlafen, Die Ver- 
zweiflung starrte aus den entzündeten Augen. Der 
alte Herr war am Ende seiner Kräfte. Ein müdes
	        
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