Path:
Berlin 1882-1907 10. Die Berliner Rettungsgesellschaft

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

Berliner Rettungsgesellschaft. 
583 
den Rettungsgesellschaften, die nur um der Rettung der Verunglückten 
willen sich zusammentun, und denen, die neben diesem rein humanen 
Teil ihrer Aufgabe einen selbstsüchtigen Zweck verfolgten. 
Es kam noch etwas andres hinzu. Die Berufsgenossenschaften 
gründeten Unfallstationen nicht nur für ihre Versicherten, sondern 
machten sie der ganzen Einwohnerschaft zugänglich: sie nahmen also 
das Rettungswesen der Stadt allein in ihre Hand. Als das geschah, 
und sich über ganz Berlin ein Netz von Unfallstationen verbreitete, 
kam es zu scharfen Konflikten, einmal mit den großen Krankenhäusern 
und dann mit den praktischen Arzten, die mit Recht die Vermehrung 
der ohnehin allzu reichlich vorhandenen Polikliniken bekämpften, 
waren doch „die Unfallstationen der Berufsgenossenschaften durch die 
Abmachungen mit den sie leitenden Arzten nichts andres als Privat⸗ 
ambulanzen, in denen sich der Arzt mühen mußte, auf seine Kosten 
zu kommen.“ 
Bergmann hatte lange dazu geschwiegen. Als aber eines Morgens 
an den Litfaßsäulen in der Nähe der Königlichen Klinik Anschläge 
klebten, die das Publikum auf die Unfallstation wiesen, obwohl sie eine 
Viertelstunde weiter lag als die Klinik, und er davon hörte, daß gegen— 
über dem Eingange zum Krankenhause Bethanien ebenfalls eine dieser 
Stationen eingerichtet worden wäre, war ihm klar, daß nunmehr 
systematisch versucht werden sollte, das Krankenmaterial der großen 
Kliniken zu schädigen, und er wandte sich an das Kultusministerium 
und das Kuratorium der Unfallstationen. Schon damals, am 10. März 
1895, erklärte er, er gehöre zu denjenigen Arzten, die eine Umgestaltung 
des Berliner Rettungswesens für dringend notwendig hielten, und 
zwar in dem Sinne, daß die Sanitätswachen Rettungs- und Kranken⸗ 
transportstationen, nicht aber Eingangsstationen mit ihnen verbundener 
Krankenhäuser sein sollten. „Meiner Ansicht nach“, schrieb er dem 
Vorsitzenden des Kuratoriums der Unfallstationen, „reicht der Dienst 
in den staatlichen, städtischen und den großen privaten Krankenhäusern 
vollständig aus, die ihnen von den Rettungsstationen möglichst bald 
zugeführten Verunglückten ausreichend und mit voller Garantie einer 
kunstgemäßen Behandlung zu versorgen. Weil also ich die Verbindung 
der Sanitätswachen mit privaten Krankenhäusern für ungünstig so— 
wohl dem Publikum als dem ärztlichen Stande gegenüber halte, bin ich 
ein Gegner derselben. Sie bieten mir nicht für das Wohl der Kranken 
die zu fordernden Garantien, und doch haben sie sich vom ersten Be⸗— 
ginn ihrer Entstehung in Konkurrenz mit den bewährten Anstalten des 
Staats und der Stadt gestellt. Ich bitte Eure Hochwohlgeboren nur 
die Artikel zu lesen, in denen behauptet wird, daß erst durch Gründung 
der Unfallstationen in Berlin für die Rettung und die erste Hilfe der 
Kranken und Verwundeten gesorgt ist. Was soll der darüber denken,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.