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Berlin 1882-1907 5. Weite Fahrten Konstantinopel 1906

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

Konstantinopel 1906. 
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langen Gutachtens, das ins Türkische übersetzt wurde. Ein türkischer 
Arzt war zwei Jahre in Berlin Besucher meiner Klinik gewesen und 
besorgte die Übersetzung. Allein es dauerte wieder recht lange, bis 
es fertig war, und der Sekretär des Sultans erschien — eine Art 
Lucanus —, um das Schriftstück aus meiner Hand zu empfangen. 
Darauf auf einem riesigen silbernen Servierbrett, das so groß wie ein 
Tisch war, in einem Nebenraum das Frühstück. Zehn Gänge ohne 
Ende, alles orientalisch. Fünf Herren und etwa zwanzig Diener. 
Die drei türkischen Hauptärzte Said Pascha, Ibrahim Pascha, Djemil 
Pascha — der Hauptchirurg, und wir zwei. Uns wurde Wein ein— 
gegossen, den Muselmännern bloß Wasser. Das beste waren besondre 
Artischocken und schließlich eine Fülle von Konfitüren. Hatte ich im 
eingestürzten Tunnel darüber gejammert, wie meine Beine den Marsch 
aushalten würden, so jammerte ich jetzt über die Darmkanäle. Doch, 
es ist bis jetzt alles gut gegangen. 
Nach dem Riesenfrühstück wurde ich zu Prinz Achmed gebeten. Der 
ganze von einer hohen Mauer umgebene Jildis umfaßt zahlreiche kleinere 
und größere Schlösser. Ein leichtes Sommerhaus ist Prinz Achmeds 
Wohnung. Es ist das derselbe Prinz, zu dem ich nun vor einem Jahre 
und etwas länger schon kommen sollte, um eine Hernie zu operieren. 
Damals wurde in letzter Stunde abgesagt, und hieß es, daß der 
türkische Arzt die Operation machen würde. Er, Djiemil Pascha, 
hat sie auch gemacht, nicht übel, aber es ist ein Rezidiv aufgetreten, 
und der Prinz behauptet, daß er jetzt mehr Schmerzen als vor 
der Operation hätte. Ich beredete ihn daher zu einer neuen Ope— 
ration, aber er wünschte noch Bandagen zu probieren, und, wenn 
diese nichts helfen sollten, wolle er noch einmal ans Messer. Er 
ist ein leiblicher Bruder der Vrinzessin Refie Sultane, meiner 
Patientin. 
Vom Prinzen zurück in die Wohnung der Adjutanten des Sultans. 
Der Generaladjutant Selgi Pascha, Vorsteher der militärischen Er— 
ziehungsanstalten und der deutschen Sprache gut mächtig, empfing 
mich mit dem von mir verfaßten Gutachten in der Hand. Er scheint 
der Hauptgegner der Operation zu sein, denn er erzählte mir, daß er 
eine Tochter habe, die zweimal Anfälle gehabt hatte, jetzt aber voll— 
ständig gesund und glücklich verheiratet sei. Er lud mich zum Abend 
ein, damit ich mich von der Gesundheit dieser Tochter überzeuge. Eine 
schöne, schlanke Blondine, die Deutsch sprach: sie ist in Wien erzogen 
worden. Auch ihr Mann, ein Bild von Kraft und Schönheit, sprach 
Deutsch: er war drei Jahre in Kiel zum Seeoffizier ausgebildet worden. 
Endlich war der Abend erreicht. Dann schrieb ich noch etwas, bis mich 
die neuste Nachricht aus dem Palais traf und wütig machte: die, daß 
nun doch heute nicht operiert werden soll!
	        
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