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Berlin 1882-1907 4. Aus der Praxis

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

Aus der Praxis. 
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tief in ihm Gutmütigkeit und Wohlwollen saßen. Selbst für die kleinen 
Sorgen der Schwestern hatte er Verständnis und, so beschäftigt er 
auch war, die Zeit, sie ihnen zu erleichtern. So fand er sie eines Tages 
nach Einführung der Miquelschen Steuergesetze über ihrer Steuer— 
erklärung sitzen, die ihnen viel Kopfschmerzen zu bereiten schien. „Lassen 
Sie das“, bemerkte er kurz, „ich komme nächstens zu Ihnen und mache 
es Ihnen fertig“, und richtig: eines Abends um elf scheuchte er den 
Portier aus dem Schlaf, ließ sich eine Lampe geben, stieg die Treppen 
hinauf und saß bei den Schwestern bis tief in die Nacht hinein, um 
ihnen die Steuererklärung nach allen Regeln der Kunst zu verfassen. 
Mochte auch zutreffen, was die Schwestern Blohm zuweilen und 
immer unter Bedauern äußerten, daß Bergmann sich in seinen letzten 
Jahren zu viel Verschiedenartiges aufgebürdet hatte, um seinen 
Patienten das sein zu können, was er ihnen früher gewesen: es schien 
doch wunderbar, wie ihm gegeben war, durch sein bloßes Erscheinen 
im Krankenzimmer, seine freundliche Begrüßung, einige wenige, aber 
warme und tröstliche Worte, durch die auch den schwersten Situa— 
tionen etwas Gutes abgewonnen wurde, die Kranken wiederaufzu— 
richten und fröhlich und zuversichtlich zu machen, auch wenn er sich 
infolge seiner Uberbürdung nur ein paar Augenblicke bei ihnen auf⸗ 
halten konnte. 
In den letzten Jahren operierte Bergmann in der Privatklinik eines 
frühern Schülers, des Dr. Ernst Unger, Derfflinger-Straße 21. 
Bergmann hatte einen ungewöhnlichen Scharfblick für die Eigen— 
art des einzelnen, und dank seiner Menschenkenntnis durchschaute er 
jeden beim ersten Zusammentreffen. „Oft hatte ich als Privatassistent 
Gelegenheit“, berichtet Guleke, ‚mich darüber zu wundern, wie er Aus⸗ 
sagen, Klagen, Beschwerden von Leuten, die er sonst nicht beachtet 
hatte, richtig bewertete, mochten sie sich auch noch so sehr Mühe geben, 
ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wohl konnte er gelegentlich 
allzu zudringliche Angehörige von Kranken wie etwa russische Juden 
sehr entschieden abweisen, und doch ist schließlich fast ein jeder erfüllt 
von seiner Persönlichkeit fortgegangen, wenn er ihn auch nur ein paar 
Minuten gesprochen hatte. Was für einen bestrikenden Zauber seine 
Erscheinung und sein ganzes Wesen immer wieder auf die Kranken 
ausübten, beweist am besten die Tatsache, daß unzählige, die ihn nur 
hatten konsultieren, die Operation aber einem andern Arzte über— 
lassen wollen, ‚da er doch schon zu alt zum Operieren sei, sich sofort 
seiner Hand anvertrauten, sobald sie ihn nur gesehen und gesprochen 
hatten. Er verstand aber auch meisterhaft, jeden richtig zu nehmen 
und besonders auch Höhergestellten gegenüber seine Autorität zu 
wahren und sie zugleich durch Liebenswürdigkeit und Entgegen— 
kommen zu gewinnen. Er verlangte auch vom Arzt, daß er in besonderm
	        
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