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Berlin 1882-1907 3. Die Krankheit Kaiser Friedrichs

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

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Die Krankheit Kaiser Friedrichs. 
vierundzwanzig Stunden zugegeben hat; es werden wohl noch mehr 
solcher Zugaben folgen. 
Gott sei Dank! ist heute weniger Färbung des Auswurfs vorhanden, 
so daß der widerliche Streit um die Kanüle hoffentlich sich nicht wieder— 
holen wird. In dem Ehrenkodex des jüngsten der englischen Barone 
steht ein Paragraph nicht, der in dem deutscher Arzte obenan steht: 
sich nämlich zuerst untereinander zu einigen, ehe man die Angehörigen 
des Kranken herbeizieht, und, wenn man ihnen Mitteilungen macht, 
diese im Namen der erzielten Einigung zu machen. Sir Morell 
Mackenzie gibt gestern früh zu, daß es zunächst bei meiner Kanüle bleiben 
soll. Nur wenn die Blutung heftiger würde, würde er sich erlauben, 
noch einmal auf seinen Vorschlag zurückzukommen. Jetzt hört die 
blutige Beimengung auf; trotzdem läuft er zur Kronprinzessin, zum 
Großherzog von Hessen, zum Grafen Radolinski, überreicht allen 
Zeichnungen seiner und meiner Kanüle und beschwört sie, sie möchten 
mich bestimmen, die seinige zu nehmen. Und denk' Dir: alle drei bitten 
mich darum! Zu meinem Glücke ist nun seit zehn Stunden die blutige 
Beimengung ausgeblieben, sonst würden sich schlimme Szenen ab— 
spielen. Ach! es ist schwer, wenn man ein verwöhnter Arzt gewesen 
ist, an dem das Vertrauen der Patienten hing, nun einmal die Rolle 
eines gegensätzlich beleumundeten Doktors zu spielen! 
Während die Wunde immer kleiner wird und sich schon eng an die 
Kanüle legt, die Atmung noch ganz frei ist, erholt sich der hohe Kranke 
doch nicht. Er sieht angegriffener als bei meiner Ankunft aus. Die 
Temperaturen sind niedrig, ebenso ist der Puls langsam, aber der 
Appetit ist noch kein Rekonvaleszentenappetit. Ebenso stellen sich 
von Zeit zu Zeit Kopfschmerzen ein, die in die Zähne und in die 
Gegend des Kinns ausstrahlen. Ich fürchte, die furchtbare Krankheit 
hat in der Tiefe schon weitere Ausbreitung als wir ahnen. 
Viel lieber ein gehetzter Berliner Tag als diese Schwierigkeiten 
hier! 
16. Februar. Obgleich bei der letzten Besprechung drei Tage 
vorher (13. Februar) wir uns dahin geeinigt hatten, daß eine laryngo— 
skopische Untersuchung nicht stattfinden sollte, benutzte der ehrenwerte 
Baronet doch die Gelegenheit seines Alleinseins mit dem hohen 
Patienten, um ihn zu laryngoskopieren. Da mir das von der Diener— 
schaft verraten wurde, stellte ich ihn abends zur Rede. Er behauptete 
wie immer, mich nicht verstanden zu haben, und bat sehr um Ent— 
schuldigung. Nun einigten wir uns so, daß ich ihn wiederholen ließ, 
was wir abgemacht hatten — es soll also erst um acht Tage wieder 
laryngoskopiert werden. Ebenso fügen sich die beiden Engländer nicht 
meinen Anordnungen, die äußere Kanüle nicht anzurühren. Fort⸗ 
während rücken sie an derselben und fahren mit Hühnerfedern herein.
	        
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