Zentralblatt der Bauverwaltung
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43. JAHRGANG
BERLIN, DEN 7. FEBRUAR 1923
NUMMER 11/12
SCHRIFTLEITER: RICHARD BERGIUS und Dr.-Ing. NONN, BERLIN W 66, WILHELMSTRASSE 89
INHALT: Die neuen Regungen des Hamburger Backsteinbaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts. — Die Entwicklung der japanischen
Eisenbahnen vor und nach der Verstaatlichung (Forts, v. S. 55). — Vermischtes. — Löhne und Preise. — Bücherschau. —
Amtliche Mitteilungen.
(Alle Rechte Vorbehalten.)
Die neuen Regungen des Hamburger Backsteinbaus in der Mitte des
Vom Oberbaudirektor Prof. ®v. Fritz Schumacher.
Abb. 1. Chateauneuf. Bahnhof der Bergedorfer Bahn.
Ich’hatte schon viele Jahre in Hamburg gearbeitet, ehe es mir
zum Bewußtsein kam, daß in dieser Stadt um die Mitte des 19. Jahr
hunderts eine höchst interessante architektonische Bewegung für
den Backstein-Rohbau eingesetzt hat. Im Bilde der Stadt treten die
Zeugen dieser Regungen kaum hervor. Wohl sieht man immer wieder
die altehrwürdige Petrikirche und macht sich auch wohl klar, daß sie
ein Neubau ist, — wohl stößt man mit einiger Verwunderung auf
das alte Postgebäude und auf das Haus der „Patriotischen Gesell
schaft“, — man findet auch diese drei Bauten ab und an in der Ham
burger Kunstgeschichte als Zeugen eines Anlaufes zur Backsteinkultur
gebührend hervorgehoben — aber sonst sind die Bauten aus jenen
entscheidenden Jahren nach dem großen Brande von 1842 so über
wiegend Arbeiten in hellem Putzcharakter, daß man geneigt ist, das
Hamburg jener Jahre ganz als eine Putzstadt zu sehen und nichts
anderes daneben zu beachten. Und doch geht neben dieser großen
Welle des Putzbaues ein kleiner Strom Backsteinkultur einher, der
trotz seiner Schmalheit doch beim näheren Betrachten eine eigen
tümliche innere Kraft erweist. Es lohnt sich, seinen Spuren etwas
genauer zu folgen. Das führt zunächst zu nichts anderem, als zu der
jenigen Persönlichkeit, die als Schöpfer der schon genannten Petri
kirche und der Post von jeher in diesem Gedankenzusammenhange
die Augen auf sich gezogen hat, also zu keiner Ueberraschung. Daß
Chateauneuf bei seinen Bauten ab und an zum Backstein ge
griffen hat, ist allgemein bekannt. Wohl aber ist es vielleicht für
manchen ein neu und unerwartet Bild, zu sehen, welche Rolle die
Backstein-Probleme im Rahmen des Gesamtschaffens dieses eigen
tümlichen Mannes gespielt haben. Betrachten wir deshalb zunächst
das Bild seiner noch lange nicht genügend klar umrissenen Persön
lichkeit vom Standpunkte dieser Frage aus.
Es ist merkwürdig, zu beobachten, wie sich erst ganz allmählich
das kunstgeschichtliche Architekturbild des 19. Jahrhunderts mit
deutlichen Persönlichkeits-Begriffen belebt. Wo früher eigentlich
nur Schinkel und Klenze standen und in gemessenem Abstand
Sempers Erscheinung auftauchte, da erheben sich leise aus fast
allen deutschen Kulturkreisen Architekten-Gestalten, deren Wir
kungsbild sich in deutlichen Umrissen zu runden beginnt. Gilly und
Langhans, Weinbrenner, Möller und Hübsch zeichnen sich ab, und
wir fangen an, zu erkennen, daß zwischen 1813 und 1850 nicht nur in
klassischem Geiste gebaut wurde, sondern daß es Persönlichkeiten
waren, die in diesem Geiste schufen.
19. Jahrhunderts.
In den Kreis dieser Per
sönlichkeiten, in den Berlin,
München, Darmstadt, Dres
den und Karlsruhe gleich
sam ihre offiziellen Abge
sandten bereits geschickt
haben, vermag auch Ham
burg einen gleichwertigen
Vertreter zu entsenden, und
es ist merkwürdig, daß dies
derselbe Alexis de Cha
teauneuf ist 1 ), von dem
wir in ganz anderem Zusam
menhänge zu berichten an-
huben, und daß das, was
ihm den Platz unter solchen
Männern sichert, mit Back
steinbau nichts zu tun hat.
Als im Jahre 1842 der
große Brand einen scharfen
Einschnitt in die Entwick
lung der Stadt machte, war
er durch Bauten ganz an
derer Art der führende Architekt der Stadt, nämlich durch reife
Werkstein-Arbeiten, die den verfeinerten Geist italienisch-klassischen
Architekturempfindens nach Hamburg trugen. Wohnhäuser von
feinstem Reiz waren ihm in dieser Stilrichtung gelungen, allen
voran das Abendrothsche Haus, das Lichtwark das vielleicht beste
Wohnhaus dieser Zeit nennt und das durch die liebevolle Veröffent
lichung in einem Bande „Architectura domestica“ frühe Berühmt
heit erlangte. Innenräume voll zierlichster Grazie hatte er ge
schaffen, die einen Hauch aus römischen Renaissance-Palästen nach
Hamburg brachten, allen voran die stilvolle herrschaftliche Innen
gestaltung des Sievekingschen Hammerhofes. In monumentalen Wett
bewerben hatte er eine vielbeachtete Rolle gespielt; seine Entwürfe
für Hamburgs Börse waren zwar nicht ausgeführt, aber künstlerisch
hatten sie einen Sieg bedeutet, und er errang solche Siege nicht nur
auf Hamburgs Boden. Der zweite Preis wurde ihm für seinen groß
artigen Renaissance-Entwurf zu Londons Börse (1838/39) zuteil, der
ihn als Meister zeigte in der Bewältigung großer Massen mit den
Mitteln der römischen Formensprache.
Alexis de Chateauneuf ist am 18. Februar 1799 in
Hamburg geboren, wohin sein Vater, der früher französischer Kon
sul in Tunis und Gesandter in Genf war, in der Revolutionszeit aus-
wanderte. Er studierte 1817 bei Ledere in Paris und vor allem bei
Weinbrenner in Karlsruhe und ließ sich nach weiten Reisen 1823 in
Hamburg nieder. Er war Vorsitzender der „Technischen Kommission“
für den Wiederaufbau Hamburgs nach dem Brande. 1846 heiratete
er eine Norwegerin und war viel in Norwegen tätig. Eine im Jahre
1850 zuerst auftretende Krankheit führte am 31. Dezember 1853 zu
seinem Tode. (Vergl. Melhop „Althamburgische Bauweise“, Seite
195, „Allgemeine deutsche Biographie“, Thieme-Becker, Künstler-
Lexikon). — Veröffentlichungen von Chateauneuf: Entwurf zur
Börse auf dem Adolphplatz in Hamburg. Berlin 1838. In Folio 5 S.
mit Abbildungen und 3 Tafeln; — Architectura domestica. London,
Ackermann u. Ko., Paris, Hamburg 1839. In Folio. 7S. mit 18Tafeln;
Architectura publica. Nachgelassenes Werk. Berlin, Ernst u. Korn
und Hamburg, I. A. Meißner, 1870. Gr.-quer Folio. 4 S. mit 14 Taf.
— Die in dieser Abhandlung vorgeführten Zeichnungen entstammen
dem bisher nicht veröffentlichten reichen künstlerischen Nach
laß Chateauneufs, der in der Bibliothek der Patriotischen Gesell
schaft aufbewahrt wird. Für die Erlaubnis zur Wiedergabe sei der
Gesellschaft Dank gesagt.