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Berlin 1882-1907 1. In der Universitätsklinik

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

In der Klinitk. 
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wenigstens wissen, wozu Sie raten‘. Stets verlangte er, daß man 
sich auf eine bestimmte Diagnose festlege; erwies sie sich hinterher als 
falsch, so lernte man gerade an solchen Fällen am allermeisten. 
Mit den Praktikanten ging Bergmann besonders in den ersten 
Wochen des Semesters sehr schonend um: er verlangte dann nur 
einige anatomische Kenntnisse. Anders, wenn das Halbjahr zu Ende 
ging, dieselbe Krankheit, die das Auditorium schon oft beschäftigt 
hatte, nochmals demonstriert wurde, und der Praktikant verriet, daß 
er stets durch Abwesenheit geglänzt hatte; dann hatten die Schwänzer 
einen schweren Stand. Obwohl er die Praktikanten höchstens zweimal 
im Semester aufrufen konnte, kannte er sie alle. Riß ihm mitunter 
die Geduld, so konnte er bei bestrickender Liebenswürdigkeit un— 
geheuer sarkastisch werden, was den Unglücklichen viel schlimmer traf, 
als wenn er, was auch vorkam, heftig wurde, sobald er die Erfahrung 
machte, daß an dem Zuhörer die ganze Arbeit des Semesters spurlos 
vorübergegangen war. Das stimmte ihn oft so tief herab, daß er sich 
nach Klinikschluß bitter darüber beklagte. 
Wenn Bergmann an die Besprechung mit den Praktikanten all⸗ 
gemeine Erörterungen über den vorliegenden Fall knüpfte, dann kamen 
seine Rednergabe und seine Persönlichkeit in ihrer ganzen Macht 
zur Geltung: selbst die ältesten Assistenten wurden von freudigem 
Interesse neu gepackt. Nichts Gelerntes, nichts Büchern Entnom— 
menes, alles selbst erlebt, selbst erfahren, von eigner Auffassung 
durchdrungen, in Systeme gebracht, oft mit heitern und ernsten Bil⸗ 
dern aus seiner eignen Genesis geschmückt, getragen von dem Gefühl 
der Verantwortung gegenüber dem Vatienten und dem Ansehen der 
Wissenschaft! 
So fesselte er alte und neue Schüler immer aufs neue und hielt 
trotz der unbequemen klinischen Stunden das Interesse des dicht— 
besetzten Auditoriums rege. Im allgemeinen war seine Klinik nicht 
auf junge Anfänger berechnet, sondern auf die reifern klinischen 
Semester, doch blieb er immer auf dem Boden des dem Studenten 
Verständlichen. 
Mit derselben Freudigkeit und Gewissenhaftigkeit, mit der er am 
klinischen Fall den Praktikanten unterwies, lehrte er in wahrhaft 
klassischer Weise in seinem Operationskursus an den Leichen. Immer 
nur hielt er sich an die großen Richtlinien, die er wissenschaftlich be— 
gründete und äußerst scharf und genau zog, und verlor sich nie in ent— 
behrliche Einzelheiten, die dem Studenten den Überblick nur erschwert 
hätten. Dadurch schuf er seinen Hörern eine feste Grundlage, auf 
der sie später leicht weiter bauen konnten. Wie wichtig dieses Prinzip 
war, haben viele Teilnehmer der Kurse oft gerühmt. Zur Belohnung 
durfte, wer besonders gut an der Leiche operiert hatte, die Operation
	        
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