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Berlin 1882-1907 1. In der Universitätsklinik

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

In der Klinik. 
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überfüllt. Auch auf den Naturforscherversammlungen, den Fest— 
sitzungen der Militärärztlichen und der Hufeland-Gesellschaft hat er 
wiederholt wissenschaftliche Vorträge gehalten. 
Als unter seiner tatkräftigen Mitwirkung die Freie Vereinigung 
der Berliner Chirurgen begründet worden war, gaben deren Zu— 
sammenkünfte ihm und seinen Schülern reichlich Gelegenheit. Er— 
fahrungen aus der Klinik mitzuteilen. 
Wir Assistenten haben wohl fast ausnahmslos für Bergmann ge— 
schwärmt und sehr gern mit ihm gearbeitet. Wer seine Pflicht tat, 
aber auch nur der, konnte darauf rechnen, daß er ihm wohlwollte. 
Daß er den einen lieber hatte als den andern und das auch nicht so 
selten zeigte: wer hätte sich darüber ernstlich beklagen dürfen? Daß 
er auch den oder jenen zeitweilig überschätzte oder unterschätzte: wer 
sollte das nicht natürlich finden? Im ganzen hatte er Menschen— 
kenntnis genug, früher oder später herauszufinden, welche Vorzüge 
oder Nachteile seine Mitarbeiter hatten. Wer sein Vertrauen er— 
worben, konnte sich keinen angenehmern Chef denken: ein freundlicher 
Blick von ihm, ein gütiges Wort, hingeworfen im Drange der sich 
jagenden ernsten Geschäfte, sie genügten, das schöne Verhältnis immer 
aufs neue zum Bewußtsein zu bringen und zur unverdrossenen Weiter— 
arbeit zu begeistern. Aber eisig kalt, sarkastisch bitter konnte er gegen 
den werden, der durch Unzuverlässigkeit sein Vertrauen verscherzt hatte. 
Erleichtert wurde ein angenehmes Zusammenarbeiten mit Berg⸗ 
mann in der Praxis noch dadurch, daß er frei von kleinlicher Pedanterie 
war. Gewiß: er hielt auf Befolgung der von ihm für richtig gehaltenen 
Methoden und hielt auf Ordnung im ganzen Krankenhausbetriebe, 
aber er war begründeten und sachgemäß vorgetragenen Abänderungs⸗ 
vorschlägen durchaus zugänglich, legte manche veraltete Angewohnheiten 
aus frühern Epochen der Wundbehandlung widerstandslos unter dem 
Zuspruch seiner Assistenten ab und ging willig auf neue Operations— 
vorschläge ein, sofern sie nur vernünftig erschienen. Das Kranken⸗ 
material war damals so groß, daß er allein die Operationen unmöglich 
bewältigen konnte. So hatten die Assistenten außerordentlich viel 
Gelegenheit zum Selbstoperieren, wobei die ältern dann immer die 
jüngern unterstützten und gewissermaßen anlernten. In der Nach— 
mittagsklinik wurde nicht selten an mehrern Operationstischen gleich— 
zeitig operiert. Wer operatives Talent und das nötige Interesse 
hatte, mußte dabei zum tüchtigen Operateur ausgebildet werden. 
Die Assistenten meiner Zeit sind denn auch fast alle in geachtete und 
verantwortungsvolle Stellen als Vorstände großer chirurgischer Kli— 
niken und Krankenhäuser gekommen. 
Wie zu den Assistenten so stand Bergmann auch zu seinen Stu— 
denten immer in bestem Verhältnis. Irgendein Konflikt mit ihnen ist
	        
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