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In der Klinik.
Wunderbare streifen. Sie brauchen nicht alle wahr zu sein, das schadet
nichts: im Volke werden sie geglaubt. Sie gehen von Mund zu Mund
und befestigen die Uberzeugung, daß Bergmann ein Mensch ist, der
selbst dem Gottseibeiuns den Schweif operieren würde ... Auf eine
neugierige Frage, wann er eigentlich schliefe und äße, meinte er ein—
mal lächelnd: das müßten sich vielbeschäftigte Arzte am besten ganz
abgewöhnen.“
In diese Welt der Sorgen und Mühen, der wissenschaftlichen For—
schung und der tätigen Menschenliebe, in das Berliner Arbeitsfeld
Ernst v. Bergmanns, sollen uns ein paar Berichte früherer Mitarbeiter
von ihm, die wir hier aneinandergereiht haben, einführen: aus seiner
Frühzeit, den Tagen, da er auf der Höhe der Kraft und der Leistungen
stand, und aus seinen letzten noch immer ungewöhnlich arbeitsreichen
Jahren.
Von der ersten Zeit „der spannungsvollen Erwartung vor einem
Sturm“ entwirft Karl Ludwig Schleich in seinem kurzen,
aber schönen Lebensbilde Bergmanns folgende anziehende Schilde—
rung: „Ich selbst war Zeuge des jähen Wandels der Dinge als letzter
Famulus (Koassistent) von Langenbeck und als übernommener Fa—
mulus des neuen Herrn. Vor unserm Auge vollzog sich eine ver—⸗
blüffende Neuordnung der Dinge, die zu den interessantesten Kapiteln
meiner medizinischen Erinnerungen gehört. Vor dem entschlossen zu—
packenden Griff des eben gelandeten Eroberers blieb kaum ein Stein
auf dem andern. Ein bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitetes
System des antiseptischen Drills wurde mit der Strenge und Pedan—
terie einer militärischen Instruktion den alten, liebgewordenen Ge—
pflogenheiten gegenübergestellt. War Langenbeck ein Genie gewesen,
dessen sichere, elegante Aristokratenhand seine fast ausschließlich von
ihm selbst erfundenen Operiermethoden demonstrierte, wie ein Vir⸗
tuos sein andern unerreichbares staunenswertes, nur ihm gegebenes
Können, war Langenbeck der Geist und die Seele der Chirurgie selbst,
so glich sein Nachfolger einem großartigen Organisator der über—
kommenen, zusammengefaßten und in einem System lehrbaren Ideen
der Vergangenheit und der Gegenwart. Wie Moltke, die Ideen des
großen Friedrich und Napoleons verschmelzend, einer Armee die
Mittel aufzwang, zu siegen durch Manöverübungen und den viel—
verschrienen preußischen Drill, der uns doch ein Vaterland zusammen—
schweißte, so verstand Bergmann, das Überlieferte, das genialisch Ver—
streute zu fundamentieren und mit allen Mitteln des Diktators den
Schülern aufzuzwingen. Trotz allem Kopfschütteln im Anfang und
dem hämischen Vermissen des eigentlich Genialen, das man doch an
Langenbeck gewohnt sei, ist es heute zweifellos, daß von der durch
Bergmann angebahnten Erziehung zu einer Technik des chirurgischen