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Berlin 1882-1907 1. In der Universitätsklinik

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

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In der Klinik. 
Wunderbare streifen. Sie brauchen nicht alle wahr zu sein, das schadet 
nichts: im Volke werden sie geglaubt. Sie gehen von Mund zu Mund 
und befestigen die Uberzeugung, daß Bergmann ein Mensch ist, der 
selbst dem Gottseibeiuns den Schweif operieren würde ... Auf eine 
neugierige Frage, wann er eigentlich schliefe und äße, meinte er ein— 
mal lächelnd: das müßten sich vielbeschäftigte Arzte am besten ganz 
abgewöhnen.“ 
In diese Welt der Sorgen und Mühen, der wissenschaftlichen For— 
schung und der tätigen Menschenliebe, in das Berliner Arbeitsfeld 
Ernst v. Bergmanns, sollen uns ein paar Berichte früherer Mitarbeiter 
von ihm, die wir hier aneinandergereiht haben, einführen: aus seiner 
Frühzeit, den Tagen, da er auf der Höhe der Kraft und der Leistungen 
stand, und aus seinen letzten noch immer ungewöhnlich arbeitsreichen 
Jahren. 
Von der ersten Zeit „der spannungsvollen Erwartung vor einem 
Sturm“ entwirft Karl Ludwig Schleich in seinem kurzen, 
aber schönen Lebensbilde Bergmanns folgende anziehende Schilde— 
rung: „Ich selbst war Zeuge des jähen Wandels der Dinge als letzter 
Famulus (Koassistent) von Langenbeck und als übernommener Fa— 
mulus des neuen Herrn. Vor unserm Auge vollzog sich eine ver—⸗ 
blüffende Neuordnung der Dinge, die zu den interessantesten Kapiteln 
meiner medizinischen Erinnerungen gehört. Vor dem entschlossen zu— 
packenden Griff des eben gelandeten Eroberers blieb kaum ein Stein 
auf dem andern. Ein bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitetes 
System des antiseptischen Drills wurde mit der Strenge und Pedan— 
terie einer militärischen Instruktion den alten, liebgewordenen Ge— 
pflogenheiten gegenübergestellt. War Langenbeck ein Genie gewesen, 
dessen sichere, elegante Aristokratenhand seine fast ausschließlich von 
ihm selbst erfundenen Operiermethoden demonstrierte, wie ein Vir⸗ 
tuos sein andern unerreichbares staunenswertes, nur ihm gegebenes 
Können, war Langenbeck der Geist und die Seele der Chirurgie selbst, 
so glich sein Nachfolger einem großartigen Organisator der über— 
kommenen, zusammengefaßten und in einem System lehrbaren Ideen 
der Vergangenheit und der Gegenwart. Wie Moltke, die Ideen des 
großen Friedrich und Napoleons verschmelzend, einer Armee die 
Mittel aufzwang, zu siegen durch Manöverübungen und den viel— 
verschrienen preußischen Drill, der uns doch ein Vaterland zusammen— 
schweißte, so verstand Bergmann, das Überlieferte, das genialisch Ver— 
streute zu fundamentieren und mit allen Mitteln des Diktators den 
Schülern aufzuzwingen. Trotz allem Kopfschütteln im Anfang und 
dem hämischen Vermissen des eigentlich Genialen, das man doch an 
Langenbeck gewohnt sei, ist es heute zweifellos, daß von der durch 
Bergmann angebahnten Erziehung zu einer Technik des chirurgischen
	        
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