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Im Deutsch-Französischen Kriege 2. Briefe aus dem Elsaß. Von Ernst v. Bergmann

Full text: Ernst von Bergmann / Buchholtz, Arend (Public Domain)

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Briefe aus dem Elsaß. 
hätten, was mein Tischnachbar in einem Augenblick vollbrachte. 
„Nur so 'nem Maire den Standpunkt klar machen! Siehst, Muscheh 
Maire, hier ist der Zettel — verstehst la lettre — hier steht's trois 
Ochs, eins, zwei, drei le boeuf — hier huit Schaf, vite, vite, und ich 
sage Ihnen, wie der Kerl springt: eh' unser eins den Revolver e bissl 
angeschaut, ist er schon wieder zurück, und stehen draußen die Ochsen 
und die Schafe. So ist's recht — très bien, Muscheh Maire, auf 
Wiedersehen, au revoir.“ Der andre Landgendarm war andrer 
Meinung, so ging es nicht: „Was sprichst Du mit dem Plundervolk 
französch! ich rede nur deutsch.“ Ich wagte bescheiden zu fragen, 
wie die Herren Franzosen denn imstande wären, seine Befehle zu ver—⸗ 
stehen. „Und ob!“ war die Antwort. „Ich sage, hier ist der Schein 
und hier, Herr Bürgermeister, sind meine Pistolen, sehen Sie, so“ —— 
und dabei warf er die Waffen mit solchem Nachdruck auf den Tisch, 
daß ich unwillkürlich zur Seite rückte und mir einigermaßen vorstellen 
konnte, wie schnell der arme Maire das Deutsche erlernt haben mag. 
Ich suchte dem Gespräch eine andre Richtung zu geben und erkundigte 
mich nach den Straßen, die nach Raon führen. Ich hörte, daß die schöne 
Chaussee täglich von meinen Tischgenossen beritten werde, daß in 
jedem Dorfe, das sie durchschneidet, ein Württemberger Posten steht, 
und die Feldpost täglich ungefährdet hinauf- und hinabfährt. Unter 
solchen Verhältnissen schien es mir sehr wünschenswert, unserm Zuge 
voran nach Raon zu fahren, um mich mit den dort fungierenden Feld⸗ 
ärzten über die Evakuation ihrer Patienten zu verständigen. Die 
Gendarmen nannten mir ein paar Fuhrleute des Orts, wo ich sicher 
Pferde und Wagen auftreiben würde, und schlossen damit ihre Zeche. 
Viel rascher, als ich zu hoffen gewagt, gelang es mir in Lüneville 
Wagen, Pferd und Kutscher nach Raon aufzutreiben. Zwar klopfte ich 
zuerst vergeblich an; es hieß, die Preußen haben alle Pferde requiriert, 
oder: „Meine Pferde sind vor den preußischen Kronfuhren Hungers 
gestorben“; aber je heller ich die goldnen und silbernen Frankstücke 
in meiner Hand blinken ließ, desto freundlicher wurde der Fuhrmann, 
und endlich waren wir handelseinig. Ein munteres, wohlgenährtes 
Burgunderroß wurde aus dem Stall gezogen und vor einen aller—⸗ 
dings etwas defekten zweirädrigen Karren gespannt. Es bedarf 
keineswegs immer der Requisitionen, um rasch zu erhalten, was man 
in Feindesland bedarf. Im Gegenteil ist die preußische Methode, 
mehr bar zu bezahlen als zu requirieren, eine wohlbedachte. Der 
Bauer, ob er nun unter dem Ural oder den Vogesen haust, gibt nie 
gern die im Schweiße des Angesichts der Erde abgerungenen Pro— 
dukte gegen Schuldscheine fort, selbst wenn von zehn und mehr Prozent 
die Rede. Das bare blanke Silber ist ihm lieber, sei's auch, daß es 
jahrelang zinsenlos in der Truhe liegt. Ob die Requisitionen dem
	        
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