Briefe aus dem Elsaß.
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eine angstvolle Schar verscheuchter Tauben flohen sie vor dem auf—
steigenden Kriegsungewitter in die schützende Heimat! Dann kamen
die endlosen Truppenzüge. Auf bloß vier Linien schaffte in weniger
als einer Woche Deutschland eine halbe Million Streiter an die fran⸗
zösische Grenze!
Aber nicht bloß das Volk von Stadt und Land belagert in sehr ver—
zeihlicher Neugierde den Bahnhof. Tausenderlei Gegenstände aus
den Depots, den Magazinen und Vereinen müssen die Säle, die
Schuppen und vor allen Dingen der Perron fassen und bergen. Der
Perron ist haushoch bepackt, daß man sich zwischen den Kisten, Tornistern,
Bergen von Mehl-⸗ und Hafersäcken, den Fässern, Gewehren, Mänteln
und Decken kaum durchwinden kann, nur hier und da erspäht man
einen lichten Fleck, man eilt hin, aber barsch weist die Schildwache
zurück, denn hier sind die Gewehre der Ersatzmannschaften abgestellt,
deren Träger drinnen im Hauptgebäude die im Übermaß gebotenen
Erquickungen mit lautem Lärmen zu sich nehmen. Der Wartesaal
erster und zweiter Klasse hat schon lange aufgehört, seiner ursprüng⸗
lichen Bedeutung zu dienen. Hier hat der Männerhilfsverein des
Orts seine Tische aufgeschlagen mit all den Leckerbissen des Soldaten
bom berühmten Gilka bis zur noch berühmtern Erbswurst und mit all der
Fülle von Erfrischungen für die Verwundeten, die Küche und Keller
der Reichsten des Orts willig boten. Im Bureau des Bahnhofinspektors
residiert das Etappenkommando, in dem ein von Fragenden und Bitten⸗
den aller Stände taubgeschriener Major z. D. stets die konfusesten Ant⸗
worten gibt, und drei am Pulte emsig schreibende Feldwebel uner—
müdlich die falschen Angaben ihres Chefs richtig korrigieren. Im
Packraume ist die Wache etabliert, zwanzig Mann Landwehr, die die
schwere Pflicht haben, die in großartigster Unordnung überall herum—⸗
liegenden Gegenstände vor unberechtigter Weiterbeförderung zu
schützen. Das ausgeräumte Restaurationslokal ist zur Bahnhofs⸗
ambulanz eingerichtet, die die aus den Wagen geladenen Verwundeten
zuerst empfängt, um sie dann weiter zu verteilen, d. h. entweder den
Vereinsreservelazaretien in der Stadt zuzuweisen oder nebenbei in
dem in eine große Krankenstube umgewandelten Güterschuppen zurück⸗
zuhalten. Erstere sind die schwerer Verletzten, letztere die leichter
Verwundeten, die nach einigen Tagen Ruhe wieder aufgeladen wer—
den, um den immer weiter vom Kriegsschauplatz entfernten Laza⸗
retten zugesendet zu werden. In Reih' und Glied stehen in dem
großen Saale die verschiedensten Transportvorrichtungen: Bahren
und zweirädrige Karren, schön leicht und handlich. Alles, was zum
Verbinden gehört, ist in schönster Ordnung in Kasten und Körbchen
untergebracht: es fehlt weder an Scharpie und Binden noch an
Arm⸗ und Beinschienen, Wundnäpfen und Spritzen. Selbst der