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Ediths Tod.
bei der Mutter: den Tod im Herzen, verstand sie zu lächeln und sich
ihres Lebens zu freuen.“ Sie hatte die drolligsten Einfälle und sang
ihm viele deutsche Kriegslieder vor.
Von München aus brachte Ernst Schwester und Tochter zum
Winteraufenthalt nach Gries, worauf er zur Arbeit nach Karlsruhe
zurückkehrte. Im Sommer zog Minna mit Edith wiederum nach
Kreuznach. Dort erkrankte die Kleine im Herbst an den Masern
und an Lungenentzündung und ward am 3. September 1871 durch
den Tod vor einem Leben bitterer Erfahrungen bewahrt.
Auch nach ihrem Ende hat die Leidensgeschichte der Tochter die
Gedanken des Vaters oft beschäftigt. Fünf Jahre nach ihrem Tode
schrieb er seiner Schwester aus Kreuznach: „Es ist mir endlich gelungen,
einige stille Stunden an Edithchens Grabe zuzubringen und in diesen
die Erinnerungen alle wieder zu wecken, von dem Augenblicke an, da
wir beide vor sechs Jahren hier zusammen einfuhren, bis zu den
Tränen, mit denen Du das kleine Grab verlassen mußtest. Jetzt
wäre sie neun Jahre alt, und ich könnte ihr viel schon erzählen und
welches Glück aus ihren Kinderaugen lesen! Und nun ist es bloß ein
Grab von Erinnerungen, das an die lange schwere Lebensperiode
mahnt. Mit dem Hügel in Kreuznach ist mir etwas für immer zu⸗—
geschüttet: das lebendige Band an die Vergangenheit. Aus ihr die
reiche, herrlichste Blüte mir zu retten, das waren die Gedanken, mit
denen ich so viele tausend Male Edithchen geherzt habe, da kam die
Krankheit und machte diesen Ideen ein Ende. Ich konnte mich zu
fügen nicht lernen. Aber als ich mich gefaßt hatte und gern auch an
die Zukunft des leidenden Kindes dachte — da war es aus. Immer
rufe ich mir die Leidensgestalt von Kindern vors Auge, die mit Edith—
chens UÜbel behaftet sind, und, sooft ich mir auch sage: „Kind, was ist
Dir alles erspart worden!‘' drängen sich wieder andre Gedanken da⸗
zwischen, und die alte Wunde ist deswegen nicht weniger schmerzhaft.“
Auch noch später im Leben sah er sich von seinen Erinnerungen
an jenen stillen Platz auf dem schönen Kreuznacher Kirchhof geführt.
Als seinem Bruder Wilhelm ein Töchterchen gestorben war, schrieb
er ihm im Februar 1896: „Ich habe mir oft, wenn ich meine ge—
sunden, blühenden Mädchen ansah, gesagt: wie würde mein armes
buckliges Edithchen sich zu den Schwestern gestellt haben? und oft
habe ich geantwortet, es ist gut, daß nicht aller Schmerz über Zurück⸗
setzung usw. an sie getreten ist. Und dennoch, wenn dann wieder das
heiße Sehnen, mit dem ich auf ihre Genesung wartete, vor die Seele
trat, klaffte der Riß wieder auf, und selbst jetzt, nach fünfundzwanzig
Jahren, brennt die alte Wunde! So naiv wie der gute alte Hiob, dem
für die verlorenen Kinder der neue Ersatz kam, sind wir heute nicht
mehr.“