Aus preußischen Kriegslazaretten.
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Volk aber, das hier den Acker baut, ist ärmlicher, verkommener, elender,
als irgendwo in den Dörfern Posens. Auf den Bergen romantisch
schöne Schlösser in wohlbewahrter Pracht des Mittelalters und in den
Tälern Hütten, zerfallen und zerfetzt. Massive Fabrikgebäude, um—
geben rings von hölzernen Baracken, steinerne zweitürmige Kirchen
ragen aus schmutzigen niedrigen Dörfern. Meilenweit dehnen sich die
wogenden Kornfelder der Klöster, während der Bauer auf dürrem
Sandsteinufer der Elbe mit dem Spaten seine Wirtschaft besorgt.
Muße genug, über Böhmens Land und Leute, alte und neue
Schickungen Betrachtungen anzustellen hatte der Reisende, der mit
dem ersten Zuge der eben in Besitz genommenen Bahn expediert
wurde. Die Strecke Turnau-Königinhof hätte der berüchtigte Anti—
pode der Eisenbahn, der heimische Planwagen, wohl ebenso rasch
durchmessen als die Lokomotive. Oft wurden die Wagen ausgehakt,
und die Lokomotive, allein voran fahrend, sondierte das Terrain;
an andern Orten stieg der Zugführer aus und rekognoszierte stunden—
lang mit seinem Pikett Soldaten die Gegend, oder ein böhmischer
Bahnwärter, der „alles in Ordnung!“ signalisiert hatte, wurde als
Pfand für die Zuverlässigkeit seiner Signale vor das drohende Pistol
eines Soldaten gestellt, bis der Zug über die von ihm garantierte
Strecke fortgebraust war. Solche Eisenbahnfahrten setzen die zum
Dienst in Feindesland eingezogenen Beamten nicht geringern Ge—
fahren aus, als die sind, die Sturm und Kampf bringen. Der Betriebs⸗
direktor der Turnau-Kraluper Bahn ist siebenmal während der kurzen
Dauer ihrer Benutzung entgleist. — Königinhof war das Ziel der
Fahrt, das Ende der Bahn, denn hinter dem Bahnhof war eine drei
Bogen starke Brücke über ein kleines Flußtal gesprengt worden, um
die Verbindung mit dem nur eine Meile weiter gelegenen Josefstadt
zu unterbrechen.
Das Bild der Verwüstungen des Krieges ist der ganzen Gegend
schrecklich aufgeprägt. Rechts von der Bahn den Berg hinan führt
eine breite Chaussee, auf der sich das erste Armeekorps fortbewegte,
um über Bürglitz die Verbindung mit der Division Fransecky herzu—
stellen. Eine Kette von Wagen nahm jetzt die Straße ein, alle be—
laden mit Sterbenden und Verwundeten, die beim Bahnhof von
zwei Arzten und einem Dutzend Trainsoldaten empfangen wurden.
Wie einfach war die ärztliche Arbeit, die hier vor meinem Auge sich
entwickelte — ein Sortierergeschäft en gros! In die Stadt weiter
unten am Bergesabhang wurden die Schwerverwundeten dirigiert:
die zwei Schuppen und der obere Stock des Bahnhofs waren längst
schon gefüllt. Das Feld nebenbei diente den Leichtblessierten als
Lazarett, die niedergebogenen Roggenhalme als Betten. Die etliche
Klafter lange Grube endlich zur Seite der Schienenstränge unter den