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Italien zeigt den dekorativen Zug des romanischen Städte
baus am stärksten in Formen, die nichts mehr mit der stillen
Größe und edlen Einfachheit der Vorbilder gemein haben. Man
hat das deutliche Gefühl, daß Italien in seiner Gründerzeit
steht. Das große Modell der historischen Stadtgebiete Roms
zeigte die Freilegung der Kaiserfora und des Marcellustheaters
sowie die geplanten neuen Straßenzüge,
Der Generalbebauungsplan Roms ist sehr großzügig. Der
jetzige Kopfbahnhof soll mittels eines unterirdischen Durch
bruchs nach Norden in einen Durchgangsbahnhof verwandelt
werden. Neue Straßendurchbrüche sind dazu bestimmt, die
antike Stadt und die Stadt des 18. Jahrhunderts zu entlasten,
und weite Freiflächen sollen die historischen Parks ergänzen und
Gelegenheit zur Anlage der notwendigen Spielplätze geben.
Die Bauordnung sieht eingehende Regelung vor zum Schutz
des Stadtbildes. Für viele Privatgärten werden erhebliche Bau
beschränkungen eingeführt, um sie als künftige Parks zu er
halten, wobei vorübergehende Benutzung als Gemüsegärten und
dergleichen gestattet wird. Für ausgedehnte Gebiete wird Bau
erlaubnis nur durch besondere ministerielle Genehmigung erteilt.
Enteignungsmöglichkeiten sind nicht nur im Interesse des Ver
kehrs und der Sanierung vorgesehen, sondern auch mit Rücksicht
auf den Rundblick. Abbruchsverpflichtungen können innerhalb
einer bestimmtenZeit ausgesprochenwerden. Auffallend und nicht
der römischen Tradition entsprechend ist die Bevorzugung der
offenen Bauweise auch in der drei-und viergeschossigenZone. Nach
den Abbildungen neuer Wohnungsbauten, die unter ähnlichen
Baubestimmungen errichtet worden sind, kann man den ästhe
tischen Wert solcher Bestimmungen nicht hoch veranschlagen.
Mailand, das mit 941 000 Einwohnern neben Neapel mit
966 000 Einwohnern und Rom mit 867 000 Einwohnern zu den
größten Städten zählt, ist am stärksten durch den modernen
Verkehr in seiner Entwicklung beeinflußt. Richtungsbetrieb
und Rundverkehr auf den Plätzen scheinen sich in den italie
nischen Städten durchzusetzen. Man trägt hierbei kein Be
denken, die Straßenbahnen auch bei verhältnismäßig engem
Radius zum Rundverkehr zu zwingen, was nur aus der
bekannten Unempfindlichkeit der Italiener gegen Geräusche
zu erklären ist. Der Platz am neuen Hauptbahnhof, der
auffallenderweise als Kopfbahnhof gebaut werden soll, er
scheint für den zu erwartenden Verkehr zu knapp bemessen
(Abb. 10).
Die Bauten des Instituts für Volkshäuser zeigten 4—5 ge-
schossige Randbebauung mit Innenhöfen. Straßenbreiten und
Hofgrößen erscheinen zum Teil enger bemessen, als trotz der
glücklicheren Besonnungs Verhältnisse wünschenswert ist.
In der spanischen Abteilung war der Wettbewerbentwurf
für die Stadterweiterung von Madrid von Blum, Jansen,
Liedecke und Zuago ausgestellt, der aber kaum als spanische
Arbeit betrachtet werden kann. Umfangreiche gemeinnützige
Arbeiten aus Barcelona und Madrid bekunden den Willen zu
einer Auflockerung der Baudichtc, die in den früheren Ge
pflogenheiten des Landes nicht zu finden war. Spanien sucht
eine besondere Form der Gartenstadt in der sogenannten Ciudad
Lineal zu entwickeln, welche charakterisiert ist durch den
Aufbau entlang den großen Verkehrslinien des Landes. Ab
schließende Erfahrungen, welche ein Urteil ermöglichen, liegen
noch nicht vor.
Abb. 9 (oben).
Cite Universitaire
in Paris.
Abb. 10.
Zugangstraßen und
-platze zum neuen
Bahnhof in Mailand.