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Siebenter Abschnitt. Preußen und das Reich. Lebensende. 1898-1902

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

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parlamentarische Bedeutung des Jahres 1899 ging in ihrem Zwei— 
kampf unter. Miquel antwortete anderen Tags mit raffinierter Ruhe, 
nicht weniger haßerfüllt. Seine Rede visierte den Gegner nicht un⸗ 
mittelbar, sie wurde von den Sitzen des Bundesrats aus an den 
kaiserlichen Herrn gerichtet und war auf ihn berechnet, voll Selbstlob 
für den Redner, den Zentrumsführer schlau verdächtigend. Lieber, 
zu augenblicklicher Antwort gezwungen, konnte dieses Meisterstück eines 
Plaidoyers nicht übertrumpfen. 
Gegen das Frühjahr hin wurde die neue Flottenvorlage im 
wesentlichen angenommen. Liebers Kräfte erschöpften sich schon vor— 
her. Am 20. Januar 1900 hat er im Reichstag zum letzten Mal 
gesprochen, ehe ihm die regelmäßige Mitarbeit unmöglich ward. Das 
erhobene Bewußtsein, das dem Redner in den Jahren seiner Erfolge 
eigen gewesen und sein an sich so schweres Pathos beflügelt hatte, 
war in keiner Rede dieses Winters wieder aufgelebt. Die letzte ver⸗ 
hallte im Saale als Klage um eine vergangene Zeit. Er untersuchte 
nicht, warum das Gedeihen vorüber, die Stimmung im Reichstag, 
die Entwickelung draußen sich geändert hatte und ob sie sich ändern 
mußte. An Herbert Bismarck, Kardorff und Kröcher wandte er sich. 
Bismarck habe den Reichstag auf die feste, einheitliche Grundlage des 
allgemeinen Wahlrechts gegründet. Dem Reichstag stehe nicht der 
Felsen einer Monarchie gegenüber. Nichts Unseligeres könne sich zu— 
tragen, als wenn man bei solcher Organisation des Reichs auf einen 
Konflikt hinarbeite. „Wenn wir mit Besorgnis der Entwickelung der 
Dinge draußen entgegensehen, wie können wir die Hoffnung hegen, 
wenn die Welt um uns her in Trümmer ginge, unserseits groß, stark, 
friedlich uns weiter entwickelnd bestehen zu können, wenn wir fort und 
fort Unruhe in unser inneres politisches Leben tragen.“ 
Von da ab erschien Lieber nur noch selten in der Offentlichkeit. 
In der folgenden Session des Reichstags ließ er es sich nicht nehmen, 
eine der wichtigsten praktischen Folgerungen, die seine Freunde aus 
seinen und ihren Anschauungen von der politischen Natur des Reiches 
zogen, den Toleranzantrag, als erster einzubringen und für die Idee 
einer selbständigen Anwendung des jungen Reichsrechts auf die kirchen— 
politische Ordnung der Einzelstaaten, für die Betonung seiner normen— 
schaffenden Kraft sich einzusetzen. Dann hielt er im Sommer 1901, 
todesmatt, auf der Osnabrücker Versammlung der Katholiken Deutsch— 
lands die Schlußrede. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen.
	        
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