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Siebenter Abschnitt. Preußen und das Reich. Lebensende. 1898-1902

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

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Als die Würfel im Hochsommer fielen, hatte er die Fäden der Ver— 
handlung nicht fest genug aufgerafft. Die Vorlage wurde abgelehnt. 
Dieser Ausgang war für Lieber eine herbe Enttäuschung. Auch 
die Session des Reichstags war einige Wochen vorher durch einen 
schrillen Mißklang unterbrochen worden. Die Regierungen hatten im 
Juni ein Gesetz zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses 
vorgelegt. Dasselbe stand zu den vereins- und koalitionsrechtlichen 
Forderungen der Volksvertretung in solch schroffem Widerspruche, 
daß diese ihm die Ehre einer Kommissionsberatung versagte; denn 
noch wären in keinem Bundesstaate die sozialpolitischen Resolutionen 
des Bürgerlichen Gesetzbuchs beachtet worden. Darauf wurde der 
Reichstag vertagt. Um die Lage nicht weiter zu verschärfen, dachte 
das Zentrum daran, einen organischen Gegenentwurf im Sinne seiner 
Interpellation von 1895 und der Anträge zum Bürgerlichen Gesetz— 
buch einzubringen, sobald die Sitzungen wieder aufgenommen wurden. 
In ähnlicher Absicht wollten die Nationalliberalen Einzelheiten der 
Vorlage aussondern und zum Beschluß erheben. In den Ferien aber 
häuften sich die Ereignisse, um Liebers Stimmung zu verbittern. Auch 
ein Besuch des Finanzministers in Liebers Hause zu Camberg änderte 
nichts mehr daran. Kaum war der Kanal abgelehnt, so flüsterte man dem 
Zentrumsführer zu, daß Miquel ihn vor dem Kaiser beschuldige und er es 
auch sei, der in den letzten Jahren alle Schwierigkeiten zwischen Bundes— 
rat und Reichstag heraufbeschwöre. Zugleich reizte ihn, daß eine geräusch— 
volle Agitation für eine abermalige Vergrößerung der Flotte in die 
Wege geleitet wurde. Am 18. Oktober griff der Kaiser durch eine Rede 
zu Hamburg persönlich in sie ein, wie er zwei Monate zuvor auf die 
Beratung der Kanaloorlage einzuwirken versucht hatte. Er klagte die 
„sich immer schärfer ausprägenden Parteirichtungen“ im Reichstag an 
und wandte sich gleichsam über die Parteien hinweg an die Nation. 
Als der Reichstag im November 1899 wieder zusammentrat, half 
Lieber zunächst den sozialpolitischen Vorstoß der Regierungen abweisen, 
ohne daß der Worte noch viele gesprochen wurden. Am 12. Dezember 
ging er bei der Beratung des Etats in seiner Rede auf den kaiser⸗ 
lichen Vorwurf ein. Er verteidigte den Reichstag. Dann aber 
schleuderte er einen über alles Maß getriebenen Angriff gegen Miquel 
als einen Mann ohne politisches Rückgrat, der die Parteien wider⸗ 
einander, den Kaiser wider den Reichstag hetze. Der persönliche Kon⸗ 
flikt der beiden Männer brach damit in voller Schärfe aus, und die
	        
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