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Sechster Abschnitt. Der "Reichsregent"

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

Sechster Abschnitt. 
Der „Reichsregent“ 
Als der Reichstag des Jahres 1893 aus den Wahlen hervor⸗ 
gegangen war, hatte für Lieber seine Stunde geschlagen. Seine 
Lebensleistung ist mit diesem bis 1898 tätig gewesenen Reichstag ver— 
knüpft. In allem wesentlich ist sie sogar, man wird es behaupten 
dürfen, darin beschlossen. Das Reich ist damals mannbar geworden, 
es war die Zeit seiner stärksten organischen Entwickelung. Dies Wieder⸗ 
erwachsen der deutschen politischen Einheit, die Wiederbelebung der 
politischen Gestaltungskraft der Nation ergriff den in der „großen 
Sehnsucht“ der Jahrhundertmitte herangereiften Mann, der nun 50 bis 
60 Jahre zählte. Man braucht für jene Jahre nur aufzuhorchen, um 
aus den Reden, mit denen Lieber seine Wirksamkeit so gern begleitete, 
die ungebrochene Romantik der alten Zeit und immer wieder sich aus— 
lösende Erinnerungen an sie erklingen zu hören. „Es ist noch gar 
nicht lange her, daß man in Deutschland vor allen Dingen deutsch zu 
sein gelernt hat. Wir Alten, die wir in der Zeit des Deutschen Bundes 
groß geworden sind, wir werden aus unserer eigenen Geschichte be— 
zeugen müssen, daß wir in erster Reihe Preußen, Bayern, Sachsen, 
Württemberger, Hessen, Badener, Hannoveraner, Braunschweiger, 
Nassauer usw. waren und zu jenem falschen Partikularismus auf 
höheren Befehl auf unseren Mittelschulen erzogen worden sind. Während 
die uns umgebenden Nationalitäten auf ein viele Jahrhunderte altes 
Bewußtsein ihres Volkstums zurückblicken, ist bei uns Deutschen das 
Bewußtsein deutschen Volkstums ein verhältnismäßig noch sehr junges.“ 
Damals rief er den Nationalliberalen zu, daß er sich in seinem Zorne 
über das „verelendete“ römische Reich deutscher Nation mit seiner 
„ohnmächtigen Scheinherrschaft“ von ihnen nicht unterscheide. Gegen— 
über dem Lobe der Bildungs- und Kunstpflege durch die deutschen
	        
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