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Fünfter Abschnitt. Mitarbeit am Reiche. Bürgerliches Gesetzbuch und Flottenvorlage. 1894-1898

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

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gesetz war durch Neuwahlen nachträglich zur Annahme gebracht worden. 
Hier aber handelte es sich um mehr. Das Zentrum wurde voraus— 
sichtlich für fünf Jahre, wenn nicht für immer aus der maßgebenden 
Stellung im Reichstag verdrängt, die Entwickelung des Reichs unter⸗ 
brochen oder in andere Bahnen gelenkt. 
In dieser Voraussicht flossen wohl die parteitaktischen und die natio— 
nalen Erwägungen Liebers ineinander. Persönlich strebte der Zentrums— 
führer schon längst die Direktiven in der Reichspolitik zu unterstützen, 
durch die er die Vorlage eingegeben glaubte. Von seinen Jugend— 
tagen her lebte in ihm die warme Empfindung jener Zeiten für das 
deutsche Volkstum. Staatlich noch nicht in eins gefaßt, hatte es sich 
damals schon mit derselben Gewalt wie heute als einheitliche Kul⸗ 
turmacht über das Erdenrund ausgedehnt. Dank dieser Erinnerung 
war der Geist und die Weite der kaiserlichen Auslandpolitik Lieber 
vertraut. Seine Gesamthaltung entsprach dem. Die Linke nannte ihn 
wohl einen Kolonialschwärmer, wenn er jährlich für die Kolonien das 
Wort ergriff und ihrer Erschließung durch Eisenbahnen das Wort 
redete. Er wirkte für sie nicht nur aus christlichem Missionsinteresse, 
sondern weil es ihm „einer Nation, wie der deutschen, eines Reichs, 
wie das Deutsche Reich es ist, geradezu unwürdig“ erschien, daß man 
von ihm verlangte, sich „aus dem Wettbewerb der übrigen europäischen 
Nationen um die Betätigung der zivilisatorischen Tätigkeit draußen“ 
auszunehmen. Des Kaisers Orientpolitik freute ihn. Auch in seiner 
leise betonten England unfreundlichen Stimmung wie darin, daß er 
gute Beziehungen zu Amerika befürwortete, paßte er sich der Richtung 
der kaiserlichen Auslandpolitik an. Viermal reiste er über den Ozean, 
um dem Deutschtum der Vereinigten Staaten beizustehen. „Ich darf 
für mich in weltkundigen Anspruch nehmen, daß die lebhafte Anteil⸗ 
nahme an dem Geschick auch nicht zum Deutschen Reich gehöriger 
Deutschen außer allem Zweifel steht.“ 
Lieber war also von vornherein entschlossen, wenn sich der Bundes— 
rat über die Kostenfrage mit dem Reichstag verständigte, der Vorlage 
zum Siege zu verhelfen. Schon bei ihrer ersten Lesung, bei der er 
alle Bedenken auseinanderlegte, sprach er unwillkürlich von dem „so 
hochnationalen“ Schritte und rückte ihn an nationaler Bedeutung wie 
an entscheidender Wirkung auf dieselbe Stufe mit dem Bürgerlichen 
Gesetzbuche. Sodann wiederholte er die beim russischen Handels— 
oertrag geübte Taktik. Monatelang schwieg er sich aus, bereitete im
	        
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