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Erster Abschnitt. Eintritt ins öffentliche und parlamentarische Leben. 1838-1878

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

Lieber aufgewachsen war, waren alle den Weg zur Romantik mit— 
gegangen. Er persönlich hatte durch seine langen Universitätsstudien auch 
die Denkart vieler liberalgesinnter Deutscher schätzen gelernt. Wie alle, 
die empfänglichen Herzens das Erinnerungsjahr 1859 miterlebten, ge— 
dachte er der nationalen Wirkung Schillers als des „protestantischen 
Dichters, den wir zu den größten unserer Nation rechnen“. Er stand 
seinen liberalen Lehrern und Kommilitonen sogar nahe genug, um 
anzuerkennen, daß die Lösung der deutschen Frage durch Bismarck zwar 
mehr nach ihrem Wunsche als nach dem seines Kreises erfolgt, die 
Gründung des Reiches aber dessenungeachtet das deutsche Einheits— 
verlangen zu erfüllen geeignet sei. Wesensverwandt fühlte sich Lieber in⸗ 
dessen nach wie vor allein den Romantikern. Ihr „christlicher Staat“, 
den sie im germanisch-mittelalterlichen Reich der Blütezeit verwirklicht 
glaubten, hatte es ihm angetan. Daß er aus dem „Recht“ lebte, während 
sich der modern liberale nur mit Hilfe des selbstgemachten „Gesetzes“ 
erhalten könne, daß er ein Feind aller teutonischen Bärenhäuterei, da— 
gegen der Förderer der vom Christentum „geschaffenen“, „wesentlich 
christlichen und in zweiter Reihe wesentlich deutschen“ Kultur war, 
inspirierte ihn in ungezählten Reden zu Lobsprüchen. Die Stimmung 
der politischen Romantik beseelte ihn so sehr, daß er gar nicht anders 
konnte, als sofort seine erste eigentliche Kulturkampfsrede im Parla— 
ment trotz aller Fehde mit einer Prophezeiung der endlichen religiösen 
wie nationalen Einigung ausklingen zu lassen. Bismarcks Kirchen— 
politik aber klagte er unter diesen Gesichtspunkten romanischer Herkunft an. 
Doch all diese romantischen, deutschnationalen und idealistisch— 
kirchlichen Überzeugungen, die Lieber aus den reichen Entwickelungs— 
strömen unseres Vaterlandes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
zugeflossen waren, bildeten nur den Goldgrund seines geistigen Daseins. 
Das öffentliche Leben mit seinen Leidenschaften und seinem Wechsel 
war schon beschäftigt, seine Farben und Lichter, auch seine Schatten 
darauf aufzutragen. Zuerst der Schulkampf seiner Heimatprovinz, nun 
der Kulturkampf zwangen ihn, aus seiner Ideenwelt heraus sich vor 
allem in Beziehung zu der inneren Politik Preußens und des ge— 
waltigen Kanzlers zu setzen. Das geschah ihm nicht zu seinem Besten. 
Von Haus aus war der Nassauer Lieber bereit, Preußen hoch— 
zustellen. Er hat es im Abgeordnetenhause sofort vermerkt, als einmal 
im Herrenhause den Nassauern bezeugt wurde, daß sie 1866 trotz 
der Liebe zu ihrem „angestammten, ruhmreichen und uns Katholiken
	        
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