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Erster Abschnitt. Eintritt ins öffentliche und parlamentarische Leben. 1838-1878

Full text: Ernst Lieber als Parlamentarier / Spahn, Martin (Public Domain)

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und Heidelberg Rechts-, Geschichts- und Philosophiestudien obgelegen. 
Dann promovierte er im Juli 1861 in Heidelberg als Doktor beider 
Rechte sSumma cum laude und arbeitete vier Jahre auf der Heidel— 
berger und Münchener Bibliothek weiter, um sich auf die Universitäts— 
laufbahn vorzubereiten. Da bat ihn seine seit 1860 verwitwete Mutter, 
bei ihr in Camberg sich niederzulassen, und vielleicht wurde ihre Bitte 
durch das Bedürfnis des Diözesanbischofs nach einem juristisch ge— 
schulten Ersatz für den verstorbenen Legationsrat unterstützt. Er gab 
nach. Daheim aber kam er bald in das politische Treiben. Denn 
seine engere Heimat wurde 1866 preußisch. Die vielfache Anderung 
staatlicher Einrichtungen, die damit für Nassau verbunden war, bewog 
den Bischof von Limburg und eine Reihe angesehener Katholiken des 
Landes zu dem Versuche, das simultane Schulsystem des Herzogtums, 
das seit 1817 bestand, durch die in Preußen übliche Konfessionsschule 
zu ersetzen. Sie entfachten eine lebhafte Agitation, und Lieber hatte 
redend und schreibend Anteil daran. Er wurde bekannt und 1870 
ins Parlament gewählt. Darüber wechselte fürs erste nur seine Be— 
schäftigung, nicht die innerste Neigung seines Wesens. In den Reden, 
die er nunmehr hielt, bot er mehr Bildungsergebnisse als unmittelbar 
praktische Anregungen. Ähnlich geartete Geister saßen unter den 
Nationalliberalen. In der eigenen Partei erschien er als der einzige 
seines Schlags. Alle anderen, wofern sie etwas galten, schöpften 
zwar ihre Begeisterung für die Kirche ebenso wie er aus der Ver— 
gangenheit, der katholisch-idealistischen Entwickelung des zweiten Drittels 
des Jahrhunderts; aber als Politiker in ihrem Urteil über den Staat 
und die Nation standen Windthorst und Schorlemer und selbst Mal— 
linckrodt oder die Reichensperger mit ihren Interessen und Absichten 
im vollen Flusse der Gegenwart. Für die Anfänge von Liebers 
parlamentarischer Wirksamkeit bedeutete dieser Unterschied zwischen 
ihm und jenen ein Hemmnis, er gewann lange Zeit keinen wahren 
Einfluß. Aber anderseits hielt er durch die Eigenart seines Wesens 
rückwärtslaufende Fäden in sich fest, die sonst durch den Kulturkampf 
zerrissen wurden, Fäden, die nicht nur zu der politischen Romantik 
der Jahrhundertmitte oder zu der demokratischen und liberalen Agitation 
der 40er Jahre, sondern durch seinen Vater darüber hinaus auf 
Goerres, den ursprünglichen, durch die Legende noch nicht verfälschten 
Joseph Goerres zurückführten. So war er trotzdem ein Mann, dem 
seine Stunde schlagen konnte.
	        
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