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Das Stift und die Theologie

Full text: Das Königliche Domkandidatenstift 1854 - 1904 / Conrad, Paul (Public Domain)

R Lie alles in der Welt, so ist auch das Domstift durch gute und 
durch böse Gerüchte hindurch gegangen. Allen kann es eben 
niemand recht machen. Dem einen ist das Stift zu orthodox, 
und der andere warnt vor ihm, als wäre es liberal. Der eine 
behauptet, daß man dort auf der „Kögelbahn“ sei und auf der 
ersten Stufe zu einem normalen preußischen Superintendenten, und 
der andere befürchtet, daß dort zuviel Wissenschaft getrieben werde 
und damit die Pflege des Glaubens nicht ganz zu ihrem Recht 
komme. 
Wie steht es nun damit? 
Ein Blick auf die Liste der Stiftler zeigt, daß jede theologische 
und kirchenpolitische Partei zu ihren bedeutsamsten Männern solche 
zählt, die einst im Domstift ihre Ausbildung genossen haben. Da 
sind Vertreter der äußersten Rechten und „Straf-Professoren“, und 
dort Wortführer des Protestantenvereins, und hier Vorkämpfer 
des evangelischen Bundes. Nicht so, als ob bestimmte Jahrgänge 
ausgesprochen positiv oder mehr liberal gewesen wären, — man 
könnte sonst vielleicht daraus einen Schluß auf die Wirksamkeit 
der jeweiligen Leiter des Stifts oder der einzelnen Ubungen 
ziehen, — nein, zusammen mit den „schwärzesten“ Namen finden 
sich andere, die in helleren Farben schimmern, die vor Zeiten im 
Stift trotz aller theologischen Differenzen schon die besten Freunde 
waren und die sich heute noch über dem Abgrund, den Partei 
und Kirchenzeitung und Synode zwischen ihnen auftut, in alter 
Freundschaft herzlich die Hand schütteln und über all dem 
Trennenden ihres gemeinsamen Ursprungs nicht vergessen und in 
treuer Dankbarkeit gegen das Stift und ihren alten Ephorus, es 
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