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Gustav Thölde's letzter Gang von der Sammelhalle des Männer-Asyls, Wiesen-Straße 55 am 26. Juli 1910, Nachm. 3 Uhr

Full text: Gustav Thölde zum Gedächtnis / Manasse, Waldeck (Public Domain)

Mutterliebe verträgt, war er der zärtlichste Satte seiner Lebenskameradin. 
Fünfzigjährige Flitterwochen nannte ich am Sarge der treuen Mut⸗ 
macherin seines Cebens dieses Eheverhältnis. Und diese Frau war 
trotzdem eine starke, willensgewaltige Natur, die aus ihrem Herzen 
das Temperament nicht verjagte und mit feuriger Entrüstung das 
Schlechte zu bekämpfen und mit hinreißendem Feuer fuͤr das Rechte 
einzutreten wußte. Sie wußten, was sie aneinander hatten, die gütige, 
zuverlässige Gattin, und der gemütvolle, zärtliche Ehemann. 
Und welch ausgezeichneter Vater war unser Freund! Pietät 
ging ihm als Fiel der Erziehung über alle offizielle Autorität. So 
war er der gleichaltrige Freund von Rind und Lindeskindern. 
Besonders Tochter Cucie wird den gewinnreichen täglichen 
Umgang des weisen Vaters sehr entbehren. Sie waren beide immer 
fester zusammen gewachsen. Und um ihm nahe und nützlich zu bleiben, 
hat sie auf Familienglück verzichtet, das sie wohl verdient hätte. Und 
daß sie so überreichlich und so unermüdlich auch ihre treue Kindesliebe 
zurückschenkte, das ist der beste Trost und die würdigste Trauer in 
dieser Abschiedsstunde. 
Und der anderen Tochter, deren Leben durch ein Meer von 
Schmerzen ging, war der Vater ein treuer, zuverlässiger Berater, der 
die Lebenslücken des Schicksals auszufüllen trachtete. 
Auch Ihnen, seinen geliebten Enkelkindern, stand er nahe in 
Tat und Rat. Eine heilige Pflicht lege ich in dieser ernsten Stunde 
an Ihr Herz, dem hohen Vorbilde des Großvaters zu folgen und der 
Gedankenwelt die Treue zu bewahren, die ihn beglückte und beseligte. 
Er legt die reinen Waffen seines Cebenskampfes unentweiht in Ihre 
Hhände. Halten Sie dieselben stets wert und heiligh 
Er hat es wohlverdient um Sie alle, liebe CLeidtragende. Er 
hat Sie ja alle zeitlebens auf seinem treuen Herzen getragen. Er hat 
in mancher Krankheit den zuverlässigsten Urankenwärter abgegeben, 
und er hat stets willig alle Sorgen und Kümmernisse und alle Seelen⸗ 
kämpfe mit den Seinen getragen und hat seine eigenen Lebenskämpfe 
und seine eigenen Körperbeschwerden tapfer vor Ihren Augen zurück⸗ 
gehalten. 
Ich sagte schon, Gustav Thölde war geradezu ein medizinisches 
Wunder; man glaubte es nicht, wenn man den Mann sah, daß er 
ein Neunzigjähriger war. Denn trotzdem Ohren und Augen nicht 
mehr so recht funktionieren wollten, hat doch sein goldenes Kinder— 
herz noch so stark und kraftvoll geschlagen, daß es erst stille stand
	        
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