Biedermeier geht aus.
Konditoreien. Restaurants. Gartenlokale.
Uber die Rolle, die Ausstattung, vor allem aber über die politische Bedeu⸗
tung der Konditoreien in Berlin als Versammlungszentren der Intelligenz
cußert sich Friedrich Saß, ein Berliner Schriftsteller der 20 er Jahre, in
seiner Schrift „Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung' und gibt
zugleich ein vorzügliches Bild der Kulturschichtungen der besseren Berliner
Kreise von ehemals - der Offiziere, Beamten, Kaufleute, Literaten usw., die
scheinbar durcheinanderfluteten und von denen doch schon jeder nur inner⸗
halb seiner scharfgezogenen Grenzen lebte.
We wollen mit der Jostiÿschen Konditorei beginnen. Sie liegt
an der Stechbahn, an der gefährlichsten Ecke Berlins, dem
Schlosse schräg gegenüber. Schon die lebensgroßen Wandgemälde des
verstorbenen und jetzigen Königs in vollständiger Uniform können den
Eintretenden belehren, daß er sich hier an einem Orte befindet, wo die
Elemente der preußischen Militärhierarchie ganz besonders vorzuherrschen
pflegen. Es ist aber nicht der leichtfüßige Gardeleutnantston, wie er
bei Kranzler zum Vorschein kommt, der sich hier geltend macht, es ist
hier bei Jostj noch manches alte, schwere und vernagelte Geschütz von
Anno 1818 vorhanden. In den Wochentagen sieht man viele Zivil⸗
personen, deren ramassierter Schnurrbart den pensionierten Militär ver⸗
kündigt. Sonntags nach der Parade blitzen und blinken die Uniformen
in buntester Mischung. Die Militärpersonen, welche bei Jostÿ ver⸗
kehren, sind meistens gereift und alternd, manche von ihnen sind mal-
content, wenn auch nur im stillen, was ja nicht gegen die Subordi⸗
nation ist. Viele von ihnen sind über die Crinnerungen 18)8218 nicht
hinausgegangen und halten sie fest und verteidigen sie als ihr teuerstes
Gut. Im allgemeinen ist der Geist des Jahres 18)8 lange verdampft
im preußischen Heere. Nur in einzelnen Tipen hat er sich hartnäckig
verfestet, und wenn die Resultate, mit welchen jener Geist uns be⸗