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Probatum est

Full text: Humoristische Rückblicke auf Berlins "gute alte" Zeit von 1834 bis 1864 / Wauer, Hugo (Public Domain)

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sich bietenden Gelegenheit und in den dann später 
folgenden ähnlichen Fällen begann ich, sobald wir Platz 
genommen hatten, mit Löwensicherheit: „Gnädige Frau!“ 
Aber bevor ich weiterschweife, will ich einschalten: 
das „gnädige“ war damals, als ich noch nicht lange 
„Löwe“ war, noch ziemlich neu; denn bis 1848 sagte 
man zu nichtadligen Frauen „Madam“ und zu den 
Unverheirateten zwar „Fräulein“, der allgemeine 
Gebrauch des „gnädigen“ aber war eine „Errungen- 
schaft von 48“ und bürgerte sich ziemlich langsam erst 
nach und nach ein. Auf den Königlichen Theaterzetteln 
hieß es bis zum 18. März: „Mde.“, das war „Madame“ 
Crelinger, Wolf, Werner, Valentini usw. und bei den 
Unverheirateten „Mlle.“, das war „Mademoiselle“, 
also Mlle. Bertha oder Clara Stich, Mlle. Unzelmann, 
Mile. Marx, Mlile. Tusczeck usw.; Charlotte und Auguste 
von Hagn aber waren adlig und standen demgemäß 
als „Frl. von“ auf den Zetteln. 
Also, wie gesagt, sobald wir saßen, begann ich 
ohne Zögern: „Gnädige Frau!“ oder „Gnädiges 
Fräulein! Wenn Einem der Vorzug, seiner Tischdame 
vorgestellt zu werden, erst kurz vorher zuteil wurde, 
dann ist es immer recht schwer, ein passendes Gespräch 
zu beginnen. Und darum ist es in solchen Fällen das 
Allerpraktischste, sofort eifrig zu beraten, ob vom Wetter 
oder von etwas Anderem gesprochen werden soll, dann 
findet sich das Weitere ganz von selbst — denn eben 
nur der Anfang ist schwer.“ 
Wenn ich aber recht gut bei Humor war, begann ich 
mit schwärmerischem Augenaufschlag: „Mein gnädiges 
Fräulein, stimmt dieses trostlose Regenwetter Sie auch so
	        
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