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Full text: Jettchen Gebert / Hermann, Georg (Public Domain)

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auf der Welt lieb hätte. Und wenn sie sich in einer ruhi— 
gen Stunde all das noch einmal gesagt hätte, was sie hier 
halblaut in die stille, kühle Sternennacht hinaussprach, so 
hätte sie eingesehen, daß sie all den Ihrigen, die ihr ja auf 
ihre Art gewiß zugetan waren, hiermit bitter unrecht tat. 
Aber Jettchen hatte eben nicht ihre ruhige Stunde. Nein. 
Alles an ihr zitterte, und bald lief ihr prickelnde Hitze, 
bald saugende Kälte über die Glieder fort. Sie hatte das 
Gefühl, als wären ihr durch den ganzen Körper Drähte 
gezogen oder Darmsaiten, die unaufhörlich schwangen und 
summten. 
Aber er? Was er wohl dazu sagen würde, wenn er 
hörte, daß sie tot sei? Daß sie seinetwegen gestorben sei? 
Er müßte fühlen, daß das schön ist, so geliebt zu werden. 
Das müßte ihn sein ganzes Leben nicht verlassen, und es 
müßte immer um ihn sein, es müßte eine Weihe allem ge— 
ben, was er erlebe und erschaffe. Der Schmerz in seiner 
Schönheit würde sich wie ein Diadem für immer um sein 
Haupt schmiegen. Jettchen dachte an Charlotte Stieglitz 
und wie alle Welt ihre Tat gepriesen. Den Mut würde 
sie auch haben. Wenn sie nur wüßte, daß es zu seinem 
Besten wäre. Sie würde ihre lange Agraffe nehmen, die 
alte silberne, die ihr einmal Onkel Jason geschenkt hatte, 
und würde sich die feine, scharfe Nadel ganz langsam hier 
hineinstoßen, so ganz langsam, tief hinein in das weiße 
Fleisch unter ihrer linken Brust. 
Jettchen fühlte den langgezogenen, stechenden, feinen 
Schmerz, einen Schmerz mit scharfer Spitze, und sah, wie 
das graue Silber der Nadel in das weiße Fleisch leise ver— 
sank, sich darin eingrub, als würde es in ein Daunenkissen 
gebohrt. Die Tränen kamen ihr von neuem, und ihr Kopf
	        
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