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Full text: Jettchen Gebert / Hermann, Georg (Public Domain)

196 — 
Jeden Tag kam Neues, und jeden Tag schwand Altes. 
Es ging ganz unvermerkt, so wie sich ein Gast aus einer 
reichen Gesellschaft stiehlt, und man erst nach Stunden 
empfindet: Herrgott, er ist schon fortgegangen. Heute 
dachte man, daß die Fliederbüsche, die ihre Duftwolken 
in Jettchens Zimmer trieben, ihre letzten Dolden geöff⸗ 
net hätten, — aber morgen erkannte man, daß sie erst 
jetzt ganz mit Blüten überpudert waren und gestern nur 
ein leichtes, blaudurchwirktes Kleid getragen hatten. Und 
wenn dann fürder die Fliederbüsche auch Hände voll ihrer 
kleinen, blauen Sterne auf den Weg, den Beischlag, die 
hölzernen Treppenstufen warfen, sie zeigten keine Ver— 
minderung in der Fülle ihrer Blüten; nur daß die Farbe 
der Büsche langsam von dem tiefen Blau der Veilchen 
zu dem matten Blaurosa halbverblichener Vergißmeinnicht 
überging. 
Und nach blauen, stillen Tagen zogen Abende herauf 
lang und sehnlich. Und die Sonne ging widerwillig 
nieder, und noch Stunden um Stunden war der Himmel 
hell und von seltsamen Farbenspielen gemustert. Manch⸗ 
mal war er von langen rosa Wolkenballen überbrückt oder 
wieder von ganz schmalen Streifen durchquert, die starr 
und reglos auf der meergrünen Himmelsluft standen, um 
endlich zu schwinden, sich in Nichts zu lösen — rätselhaft, 
wie sie gekommen waren. Und in keiner Stunde der 
Nacht verloren sich — wie nach den schwülen Sommer⸗ 
tagen — die Wipfel der Bäume oben in die Finsternis 
und gingen scheidungslos in das dichte Dunkel über. Nein, 
— immer wenn Jettchen noch an das Fenster trat, so 
lag oben über den Kronen wie eine Lichtkante, ein selt⸗ 
sames, unbestimmtes Leuchten. Und erst über dem tat
	        
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